Gestern hatte er selbst einen Leitartikel gegen die Auflöser der Gesellschaft geschrieben; und heute nahm er zum Dank für die Hilfe die Händedrücke der Konservativen entgegen.

Mit seinem Sohn Holger, dem Hilfsredakteur, hatte er am Tage vorher eine stürmische Auseinandersetzung gehabt, in der dieser drohte, abzugehen. Doktor Borg, der Bruder, hatte ihm telephonisch seinen Besuch angekündigt; und den erwartete er jetzt, nicht ohne eine gewisse Unruhe, die auch dadurch hervorgerufen wurde, daß zahlreiche Abonnenten die Zeitung zurückgeschickt hatten.


Der Erwartete kam; der Doktor trat unangemeldet bei seinem Bruder ein und legte sofort los:

»Was hast du getan?«

»Ich habe nach meiner Überzeugung gegen eure Predigten der Unsittlichkeit geschrieben.«

»Deine Überzeugung müßte sich auf bestehende Tatsachen gründen und auf Erfahrungen beruhen, aber das ist nicht der Fall; Predigten oder Prediger existieren gar nicht, denn alle, die über die Familie schreiben, teilen nur ihre Entdeckungen und Erfahrungen mit; sie sagen zum Beispiel: so und so geht die Entwicklung vorwärts, so und so ist das Familienleben im letzten Menschenalter entartet, und das Heim ist eine Schule des Despotismus, der Selbstsucht, der Heuchelei geworden. Sie teilen also nur tatsächliche Verhältnisse mit und predigen keine Theorien.«

»Und du, der du selbst Töchter hast, sympathisierst mit diesen Lehren?«

»Ich bin ebenso besorgt um meine Töchter wie du, und ich lehre sie nichts; denn ich weiß in diesem Punkte nichts; aber ich verhalte mich abwartend und beobachtend; ich glaube schon bemerkt zu haben, daß meine Kinder mit andern Ideen geboren sind als ich; die Schamhaftigkeit verbietet uns, darüber zu sprechen; deshalb ist es gut, daß es geschrieben wird; das gedruckte Wort ist still und verletzt niemanden. Aber das eine sage ich dir, ich bin gleich dir auf – alles gefaßt! Da ich einsehe, daß ich nichts dabei tun kann, denn du weißt, was Ratschläge wert sind, so schweige ich und denke: vielleicht muß es so sein; vielleicht verstehen sie es besser; vielleicht ist dies der Weg zu der neuen Gesellschaftsform. Die Jungen, die für ihre neuen Ideale kämpfen, müssen für die ersten Versuche wohl leiden; viele werden fallen und deshalb viele abfallen; aber der Strom der Zeit fließt, ohne uns um Rat zu fragen, und ich werde keine verzweifelten Versuche machen, ihn aufzuhalten. – Aber da du dich jetzt gegen uns gewendet hast, hast du die Zeitung ruiniert. Als Aktionär und Direktor ersuche ich dich, abzugehen und deinem Sohn Holger deinen Posten zu überlassen.«

»Ich, abgehen? – Nie!«