Hier unterbrach Doktor Borg ihn: »Hört jetzt zu! Jetzt spricht ihr Riesengenie, der Mann, der nie etwas getan hat, dafür aber mit siebenunddreißig Jahren Staatsrat wurde, nie etwas vollendete, außer ein paar unvollendeten Broschüren. Die Broschüre, der Essay, das war die Form der Zeit. Er fürchtet die Kritik der Nachwelt an dem Werk des Toten, deshalb versichert er ihn gegen diesen Unglücksfall. Hört! Er, der Tote, hatte so mächtige Gedanken, daß erst in kommenden Jahrhunderten Generationen geboren werden, die imstande sind, sie zu begreifen! Ist das ein Hund! – Jetzt kommt Christi Nachfolger, der sich nicht entblödet, sich auf den Thron des Antichrist zu setzen. Versöhnlichkeit ist schön; wird sie aber mit weltlicher Ehre und irdischer Auszeichnung erkauft, dann ist sie Unsinn! – Hört, wie er die Glaubenslehre anpaßt, an den Statuten rüttelt … und jetzt! Jetzt wird das Schwarze weiß! Charakter! Charakterfest! Charakterstärke! und jetzt: Freimütig, freisinnig, warum nicht Freidenker? Nein, ich danke!«
Graf Max wendete sich zu Esther:
»Er war einer von denen, die Holger wegen der Majestätsbeleidigung verurteilten. Dies ist ein seltsames Schauspiel! Diese Aschemenschen gleichen den Lemuren und Larven, die Fausts Leiche stehlen wollen! Erinnerst du dich? Und es ist, als stände Mephistopheles hinter dem Altar und blende ihnen den Blick! Sie sehen alle Eigenschaften, die dem Toten fehlten. Ganz wie im Auerbachkeller:
Falsch Gebild und Wort
Verändern Sinn und Ort.«
»Sprichst du von den Sinnbildern des Opernkellers?« unterbrach der Doktor, der nicht recht gehört hatte.
»Sie sehen Weinberge und Trauben,« flüsterte Max Esther zu.
»Betrug war alles, Lug und Schein!
Aber ich finde den Oberpriester am schlimmsten; er ist unheimlich in seiner Verblendung; er scheint in einem kräftigen Irrwahn befangen zu sein, da er glaubt, daß Lüge Wahrheit ist. Erinnerst du dich, daß er Axel auf dem Totenbett der Lüge beschuldigte, als dieser die Wahrheit sagte?«
»Ja, jetzt hat Schweden einen Heiligen mehr!« schloß Doktor Borg. »Schwede in Seele und Herz nach ihrem Bilde; ein Dilettant, der nichts vollendete; ein Dürrdenker, der Leere philosophierte; ein Sänger ohne Stimme; ein vom ersten Baß künstlich in die Höhe getriebener Tenor, begann in der Opposition, endete in der Schwedischen Akademie; erst spanische Fliege, nachher weißes Pflaster. Da im Sarg liegt ja Barrabas und lächelt, der Pastor glaubt aber, es sei der Gekreuzigte! – Hört, wie er die Glaubensartikel dreht und wendet, hört, wie es im sechzehnten Stuhl knarrt; hohle Worte wie Zuckerwasser im Schein der Stearinkerze. Sie weinen, ganz wie Voltaires Kartenspieler, die Homers Tod beweinen! Wißt ihr, daß so ein Überlebter neulich den Toten als zweiten Homer bezeichnet hat, obwohl er weder eine Ilias, noch eine Odyssee geschrieben hat? Sein Leben war freilich eine Odyssee insofern, als er so lange fort war; und als er heim kam, waren die Freier in sein Haus eingezogen. Lassen wir seine Asche in Frieden ruhen und beglückwünschen wir uns, daß eine Epoche mit ihm ihre drei Schaufeln Erde bekommt; eine Epoche, die der großen Revolution feindlich war, die die negative und wenig ehrenvolle Aufgabe hatte, zu hemmen.«