Der Doktor ging, als die Orgel zu spielen begann, denn er konnte dies Instrument nicht vertragen.
Esther und Max blieben sitzen.
»Ja,« sagte Max, »unser guter Doktor hat die Anschauungen der achtziger Jahre; aber er vergißt, daß wir in den neunzigern sind. Er versteht die neue Zeit nicht, die hereinbricht; er versteht uns Junge nicht; denn hätte er unser Gespräch vorhin gehört, so bezeichnete er es als – ja wie heißt die schöne Umschreibung?«
»Neurasthenie!«
»Ja, so hätte er es genannt! In den achtziger Jahren hatte man Magenkatarrh, der keiner war; jetzt hat man Neurasthenie. Jede Zeit hat ihre Krankheiten, die auf Veränderungen in der Seele zu beruhen scheinen, ganz wie die unerklärlichen Krankheiten der Kinder in den Wachstumsjahren. ›Erwächst‹, sagt man. Ja, wir sind gewachsen, und deshalb sind wir krank. Was ist Blinddarmentzündung? Das ist doch wohl eine Krankheit eines tierischen Organs, das überflüssig geworden ist und deshalb weggeschnitten wird. Ich wünschte, alles Tierische könnte weggeschnitten werden, und deshalb, siehst du, will ich nicht leugnen, daß meine Sympathien oft dem Toten gehörten, der bei geringer Kraft guten Willen und hohes Streben besaß. Unser Doktor dagegen – ja, er war ein Kind seiner Zeit, aber diese Zeit ist vorbei, mir ist er fremd, für mich gehört er schon zu den Toten. Die Ideale seiner Jugend sind zum Teil keine Ideale mehr, weil sie verwirklicht sind, und Ideale müssen vor uns liegen. Das Gefährliche an dem Doktor ist aber, daß er schon ein Hinderer geworden ist. Er fürchtet die Jugend und will von dem Neuen nichts hören. Er hat seine Grenzlinie gezogen: bis hierher, aber nicht weiter. Statt den Versuch zu machen, das unerklärliche Alltägliche zu erklären, verwirft er es. Er, der an Gesetzmäßigkeit und Ordnung glaubt, glaubt trotzdem an Zufälle; es ist aber eine Denkschwäche, im gleichen Atemzuge seine These zu verleugnen. Er, der an Entwickelung und Wachstum glaubt, will unserm Seelenleben die Möglichkeit, sich zu höheren Fähigkeiten zu entwickeln, abstreiten. Er glaubt an die drahtlose Telegraphie, leugnet aber die Fähigkeit der Seele, sich aus der Ferne mitzuteilen. Unser guter Doktor ist etwas primitiv! Holger dagegen kann wachsen; er scheint im Gefängnis einige Entdeckungen gemacht zu haben, schämt sich aber, darüber zu sprechen und hat Furcht, als Mystiker belächelt zu werden; er weiß auch, daß seine Zeitung an demselben Tage tot sein würde, an dem er diese Saite berührte …
›Du weißt selbst, ich kann das, was ich schreibe, nicht drucken lassen, denn man nennt es Verrücktheit; und ich muß warten, vielleicht dabei untergehen …‹«
Jetzt verließ die Prozession die Kirche.
»Es ist ein seltsamer Anblick,« sagte Esther, »wie so verschiedene Parteien sich in der Verehrung des Toten zusammenfinden.«
»Ja, liebe Freundin, das kann bedeuten, daß in aller Herzen eine Erinnerung an ein Jenseits lebt und daß das Erhöhte zu sich hinaufzieht. Ich kann die Widersprüche in seinem Leben lösen und aus den schroffen Widersprüchen die Synthese gewinnen, aber dazu gehört Erziehung und Selbstüberwindung.