»Glaubst du denn, daß er schuldig ist?«

Max betrachtete Esther, und er fühlte in ihrer Frage einen Stachel des Hasses, eine Herausforderung, eine Schlinge. Er antwortete deshalb kalt:

»Ich glaube, daß er geklatscht hat, und das finde ich verzeihlich; ob er den Bordereau geschrieben hat, weiß ich nicht; ich halte es für unwahrscheinlich, daß man ein Verzeichnis seiner Verbrechen mit sich herumträgt. Wahrscheinlich ist er schuldig, aber nicht der Dinge, derentwegen er angeklagt ist. Und das ist seine Stärke. Deshalb konnte er auf dem Marsfelde bei der Degradierung freimütig ausrufen: ›Ich bin unschuldig!‹ (Im Sinne eurer dummen Anklage!)«

Es entstand eine Verstimmung, und Esther begann zu frösteln. Graf Max wurde nervös und fand die Gesellschaft am Nebentisch zu lärmend; ein unerzogener Hund ging umher und fegte die Tische mit seinem Schwanz ab; der Kellner puffte jedesmal, wenn er vorbeiging, Esther in den Rücken.

»Ich glaube, die Séance ist zu Ende,« sagte Max. »Hier ist Unlust, und das ist immer so, wenn gewisse Gespräche über niedrige Dinge zu wirken beginnen. Es ist etwas Böses in der Luft; die Toten hier in der Nähe berühren mich unangenehm, und ich sehne mich fort, hinaus; ich wünschte nur, ich könnte aus dem Körper herauskriechen und mit den Möwen ans Meer fliegen, mich in einer großen, grünen Woge baden, auf dem Rücken liegen und nur den Himmel sehen, ein Riesenwalfisch sein und mich draußen im Ozean abspülen, mit Fregatten um die Wette schwimmen und in Tangwälder hinuntertauchen.«

Jetzt begann es vom Kirchturm zu läuten.

»Und dann diese Glocken! Diese Kirche ist mir immer vorgekommen wie eine Nebenkapelle zum Opernkeller, das Portal ist in der Oststraße, der Turm über dem Salon auf den Champs de Mars. Wenn sie da oben läuten, dann klappern alle Groglöffel auf der Terrasse, und die Punschgläser klirren gegen die Tablette, die Lorbeerbäume rascheln und riechen, wie Quecksilber schmeckt; diese Terrasse erinnert übrigens an einen französischen Kirchhof, mit seinen bepflanzten Gräbern und den gestutzten Bäumen. Hu, wie mich friert; wollen wir gehen?«

Esther wußte, daß es bedeutete, sie wollten voneinander gehen; denn jetzt begann die Repulsion, der Haß, ohne bestimmte Ursache, und wenn sie darauf bestand, bei ihm zu bleiben, so würde das mordende Schweigen eintreten, oder das unvernünftige Gezänk ausbrechen.

Sie gingen ohne Abschied auseinander, nach stillschweigendem gegenseitigem Übereinkommen, aber in der Überzeugung, sich früher oder später wiederzutreffen.