»Der Fall ist nicht klar, das gebe ich zu,« nahm er das Wort. »Für mich sind drei dunkle Punkte da, die mir absolut unerklärlich sind. – Der erste ist: Warum verlangte Dreyfus Zyankali, als er von der Revision erfuhr? Warum freute er sich nicht? Der zweite: Er glaubte damals sofort, die Generale hätten seine Partei genommen, und bat seine Frau, zu Boisdeffre zu gehen und um Hilfe zu bitten. Wie konnte er von Boisdeffre, den er kannte, so gut denken? Das ist doch eine infernalische Situation. Drittens: Als ich die Anklage der Generale in Rennes las, ja, meine Herren, da war ich überzeugt von Dreyfus' Schuld; was gebt ihr mir dafür? Besonders als die Generale erklärten, der Bordereau sei nicht entscheidend, da war ich durch all ihre Indizien, vor allem aber durch ihre klaren Worte und ihren noblen Ton in solchem Maß überzeugt, daß ich zu mir selbst sagte: Erschieße dich, Labori! Als dann Labori angeschossen wurde und sich weigerte, seinen eigenen Pariser Arzt zu Hilfe zu rufen, als keine Nachforschungen nach dem Mörder angestellt wurden, als man die Kugel aus der Wunde nicht untersuchte, da dachte ich: hier ist etwas faul! Die Sache ist unklar.«
Jetzt geschah das, was so oft geschieht, wenn ein Mensch andern Edelmut zeigt: die andern beginnen vor Edelmut überzufließen. Holger schnappte sofort zu, und das Rad des Edelmuts begann sich zu drehen.
»Was Isak sagt, habe ich auch gedacht; Meister Demanges Verteidigung, die eintrocknete, beruhte auf dem Entsetzen, das ihn überfiel, als er seinen Klienten in Rennes sah. Labori und Picquart sollen ihn jetzt im Stich gelassen haben …«
Die Auktion hatte begonnen, und die Eitelkeit, neue Gesichtspunkte zu einer alten Sache zu zeigen, griff um sich:
»Ja,« unterbrach Kurt, »ich habe auch einige dunkle Punkte gefunden. Besonders finde ich die Logik, die man anwendet, höchst betrüblich. Der Kanzler des Deutschen Reiches hat im Reichstage erklärt, er wisse von Dreyfus' Spionage nichts. Ja, Teufel auch, wie sollte er, wenn er in Berlin sitzt, wissen, was in Paris geschieht? Daß aber Bülows einfältige Äußerung, die völlig nichtssagend ist, als ein Beweis genommen wird, das ist sublim! Ferner, wenn Sergeant Depert im Gefängnis Dreyfus erklären hörte: ›Ich bin schuldig, aber ich nicht allein,‹ so wird diese Aussage verworfen, weil der Gefängnisdirektor sie nicht gehört hat. Ist nur das wahr, was ein Gefängnisdirektor hört? Wer eine solche Verwerfung anerkennt, muß im Kopf nicht ganz richtig sein. Denkt euch: weil der Direktor es nicht gehört hat, darum ist es falsch. Ferner sagt man und beansprucht bindende Kraft für diese Äußerung: ›Dreyfus war nicht erfreut über die Revision! Aus Stolz nicht!‹ – Könnt ihr diesen Stolz begreifen? – Wenn er sich geweigert hätte, um Gnade zu bitten, dann wäre er stolz gewesen! Aber sich zu weigern, Gerechtigkeit zu empfangen?«
Die Feuerung wurde verstärkt und die Hitze steigerte sich. Sellén wollte auch ein Scheit hineinwerfen:
»Jawohl, Logik, jawohl! Weil Henry als Berufsspion ein Dokument gefälscht hat, schließt man, daß auch die nachweislich echten gefälscht sind. Ist das Logik? Im übrigen muß ich gestehen, daß …«
»Na, hört einmal, wenn wir so fortfahren,« unterbrach der Doktor, »so erklären wir Dreyfus für schuldig, und das war doch nicht die Absicht. Oder was meint Max?«
»Ich kann nicht leugnen,« antwortete der Graf nachdenklich, »daß die Sache dunkel ist. Es wurde doch ein Dreyfusministerium mit Waldeck-Rousseau eingesetzt zu dem Zweck, Dreyfus zu befreien; dieses Ministerium ernennt einen Regierungskommissar namens Carrière, der nicht General war und der Dreyfus befreien wollte, weil er fest an seine Unschuld glaubte. Nachdem er die Generale und Zeugen in Rennes gehört hat, trotz Esterhazys Bordereau und Henrys Fälschung, bekehrt er sich im Laufe des Prozesses. Das ist sonderbar! Weiter hat man auf den Bordereau hingewiesen, ganz wie der Zauberkünstler nach der Decke deutet, während er etwas unter dem Tischtuch hervorholt. Der Bordereau ist als Beweis wertlos, ebenso wie Esterhazys Zeugenaussage; obwohl Sachverständige jetzt geschworen haben, der Bordereau weise keine Spur von Dreyfus' Handschrift auf, hat Dreyfus selbst die Ähnlichkeit zugegeben, indem er ausrief: ›Sie haben mir meine Handschrift gestohlen!‹ Wir sehen so viele Widersprüche, daß wir kaum das Recht haben, uns eine Ansicht zu bilden. Daß Dreyfus, der zu einem Engel gemacht wurde, keiner war, da er ein Mensch ist, das hat nichts zu sagen, aber Zola und Björnson hätten nicht auf seine Ehre schwören sollen. Dreyfus hat zehn Unwahrheiten ausgesprochen, auf denen er ertappt ist. Er leugnete zunächst, die Organisation der Ostbahn zu kennen! Er kannte sie! Er leugnete, den Konzentrationsplan zu kennen! Er kannte ihn! Er leugnete, auf General Ransons Konferenz anwesend gewesen zu sein! Er war anwesend! Er behauptete, Picquart nie gekannt zu haben! Er kannte ihn! Er sagte früher, er sei nie in Mülhausen gewesen! Jetzt gibt er zu, daß er jeden Sommer dort gewesen ist! Er behauptet, das Schießhandbuch nie gesehen zu haben! Er hat es gesehen! Er beteuerte, das Artilleriegewehr 120 nicht gekannt zu haben! Er hat es gekannt. Er bestritt, bei Bodsons ausländische Militärattachés getroffen zu haben. Er hatte sie getroffen! Björnson, dieser, dieser … schwor auf Dreyfus' Sittlichkeit. Dreyfus gibt zu, als verheirateter Mann Geliebte gehabt zu haben, das gehe aber niemanden etwas an, da er die Mittel dazu besitze. Das mag sein, und das kümmert niemanden! Aber Björnsons Aussage! La vérité! Zola beschuldigte die Generale der Schurkerei! Dreyfus aber läßt den Generalen, da er besser von ihnen denkt, seinen Dank aussprechen! La vérité, Zola! Aber es kommen noch andere unheimliche Details im Prozeß vor. Dreyfus ruft Major Curé zu Hilfe. Dieser kommt und sagt gegen ihn aus. Dreyfus vertraut auf Oberst Cordiers Dazwischentreten! Dieser hat nichts zu sagen. Doch weiter: Oberst Munier, der wichtige Telegramme zu überbringen hatte, starb im Zuge. Chaulain-Sauviniere starb im Zuge, Major d'Attel starb im Zuge. Und diese geheimnisvollen Todesfälle: Lemercier-Picard, Guenée, Reßmann und andere! Und jetzt ist Schneider in Wien gestorben, Scheurer-Kestner ist gestorben, der Chef des Generalstabs ist gestorben! Das geht nicht mit rechten Dingen zu, und dieser Lügnerkrieg weckt in einem fast die Sehnsucht nach Pulver und Blei. Aber in all dem scheint mir die göttliche Gerechtigkeit gesprochen und das Urteil gefällt zu haben. Dreyfus wurde in Rennes zu zehn Jahren verurteilt, weil er nicht verschwiegen gewesen war und dadurch sein neues Vaterland verraten hatte; aber er wurde mit Recht begnadigt auf Grund mildernder Umstände: seine berechtigten Gefühle für sein altes Vaterland, das Land seiner Kindheit. Henry mußte Hand an sich legen als Fälscher der Gerechtigkeit, Esterhazy wurde ehrlos und geächtet als Lügner; Felix Faure bekam eine Verwarnung, eine Sache zu drehen und zu wenden, die Generale eine Ermahnung, sich nicht aus Ungeduld und Kleinmütigkeit auf Fürsten und ihresgleichen zu verlassen. Und die Nation erfuhr, daß sie bereits so viele fremde Elemente in sich habe, daß sie nicht an Revanche denken dürfe, die ein Bruderkrieg werden könne; und als die Armee ihr Prestige verlor, hat sie mit einer neueren Aufgabe ein neues bekommen. Sie dient in diesem Augenblick im fernen Osten Schulter an Schulter mit den Deutschen, was sie nicht getan haben würde, wenn der ›Prozeß‹ nicht gewesen wäre! Frankreich ist geöffnet! ebenso wie China! Doch mit dem ›Prozeß‹ wurde auch die religiöse Frage aktuell, obwohl ich nicht begreife, was sie damit zu tun hat; aber sie tauchte auf, weil Dreyfus Jude war. Und jetzt sind Protestanten und Juden dabei, die Klöster zu öffnen und ein paar hunderttausend lebenslänglich Gefangene herauszuholen. Das ist ja ganz wie bei Krönungen oder bei dem Regierungsantritt eines neuen Königs; aber es ist auch ein Gegenstück zur Bartholomäusnacht, wenn auch ein sehr gesittetes; es sind ja nur Wohltaten als Lohn für Untaten; es ist reine christliche Liebe, obwohl der Wille wohl nicht gut ist; doch wir sehen ja oft, wie das Böse zum Guten dienen muß; und Dreyfus war kein untadeliger Mann, aber er hat gedient, wie wir alle!«
»Ja,« nahm Doktor Borg wieder das Wort, »nach all unsern Zugeständnissen, die wohl zunächst der Oppositionslust entsprangen oder der Neugier, die Kehrseite der Sache zu sehen, finde ich es leichtsinnig, dies Schreiben an Zola abzuschicken, der allein glaubt, die Wahrheit gefunden zu haben. Einige Körner hat er gefunden, aber noch mehr Spreu, und etwas beschmutzt hat er sich den Rücken dabei. Wenn wir statt dessen ihm gratulierten als dem wiedergeborenen Gläubigen, dem an die Zukunft glaubenden Verfasser von ›Arbeit‹ und ›Paris‹; dem Sozialisten Emile Zola? Wollen wir das tun?«