»Es gibt ein Wort, das unter Gebildeten außer Gebrauch gekommen ist, und man schämt sich, es auszusprechen; das ist das Wort Sünde. Man hat den Begriff Schuld wegphilosophiert, aber das Schuldgefühl ist noch vorhanden. Ich bin mit einem bösen Gewissen geboren und hatte als Kind Angst davor, entdeckt zu werden. Das kann man nur damit erklären, daß etwas Unbekanntes vorangegangen ist.«

»Das sind krankhafte Empfindungen, und wir haben viele solche Fälle hier in der Anstalt,« erklärte Esther. »Wir haben zum Beispiel einen, der glaubt, den Bordereau geschrieben zu haben.«

»Ja, was weißt du davon?«

»Nein, höre, jetzt kann ich dir nicht länger folgen.«

»Das weiß ich, und ich verlange es auch nicht. Du bist immer im Ton mit mir, aber mindestens eine Oktave tiefer. – Aus nichts wird nichts, und alles hat einen hinreichenden Grund; wenn er also glaubt, der Schuldige zu sein, ist ein logischer Grund dafür da. Die Einbildungen haben eine höhere Wirklichkeit, deren Zusammenhang mit dem Wirklichen ich nicht verstehe, aber nicht zu leugnen wage. Die Wirklichkeit kann ja nicht in mein Inneres eindringen und wieder zum Ausdruck kommen, ohne es als Vorstellung oder Einbildung passiert zu haben. Die Wirklichkeit kennen wir also nur durch unsere Vorstellungen von ihr; deshalb variieren unsere Vorstellungen von einer aufgefaßten Wirklichkeit so unendlich. Übrigens kann eine Seele ohne das Zusammenwirken mit andern Seelen nicht existieren. Nun habe ich Anlaß zu glauben, daß alle Seelen miteinander in Beziehung stehen; und es gibt Menschen mit so empfindlichen Empfangsapparaten, daß sie mit der ganzen Menschheit fühlen und folglich mit ihr leiden. Aber es gibt auch Menschen, die aus der Ferne Einfluß auf andere ausüben, sogar auf Unbekannte; das weißt du.«

»Ja, das stelle ich nicht in Abrede!«

»Nun gut, woher weißt du, daß nicht …«

Graf Max hatte die Gewohnheit angenommen, Meinungen nicht ganz auszusprechen, weil er wußte, daß Esther sie vollendete oder seine Gedanken hörte, und er brach immer ab, wenn der unausgesprochene Gedanke etwas Unausgereiftes besser ausdrückte, als das banalisierende Wort es tun würde.

»Ich wagte das Wort Sünde auszusprechen; ich glaube, alle Krankheiten sind die Folgen von Sünden. Die körperlichen Krankheiten werden ja auch analog den geistigen geheilt. Zunächst ist man zu den demütigenden Bekenntnissen vor dem Arzt genötigt (die Beichte). Dann wird man von ihm zur Buße verurteilt; bittere Kräuter, Fasten, strenge Disziplin, Entsagung; und oft wird einem vorgeschrieben, Gewohnheiten, Laster abzulegen, Gemütserregungen zu vermeiden, an freundliche Dinge zu denken. Wenn man dann geheilt ist, muß man zum Priester (zum Arzt) gehen, um zu danken und zu opfern. Und dann bekommt man den Rat: ›Hüten Sie sich jetzt vor Rückfällen; das heißt in der Übersetzung: Geh, aber sündige hinfort nicht mehr!‹ – Ist das nicht dasselbe? – Aber wie behandelt ihr die Gemütskranken hier drinnen, die Seelenkranken, denen Seelsorge not tut? Ja, ihr gebt ihren Körpern kaltes Wasser und Morphium! – Erinnerst du dich, wie Hanne Joel in ihrem merkwürdigen Buche ›Jenseits‹ ihre Genesung schildert? Nachdem sie lange auf die Ärzte und ihre Umgebung geschimpft hatte, kam schließlich an einem Weihnachtsabend die Krisis: Sie brach in Tränen aus und rief: Ich bin dumm und hochmütig gewesen! Und damit war sie geheilt. Frau Schram war härter, aber sie beugte sich schließlich und wurde durch die Freundlichkeit einer Pflegerin gesund. So wenig kann bisweilen helfen – ein gutes Wort! das man so selten hört! – Dies Schloß ist kein Krankenhaus, es ist wohl ein Inferno oder eine Strafanstalt, und das schlimmste an der Strafe ist vielleicht, daß der Arzt den Kranken ›nicht versteht‹; unverstanden oder mißverstanden zu sein, das ist ja die Hölle.«