»Ein neues Wort im Wörterbuch; aber die Sache und die Ursache? Wer ist der Zwingende? Wer zwingt den Mörder, an sein Verbrechen zu denken? Das Gewissen! Und hinter dem Gewissen? – Der Dichter endete in einer religiösen Krisis …«

»Da siehst du, was Religion ist!«

»Hüte dich! Hüte dich! Aber ich glaube nicht, daß man ein Recht hat, hier über die ärztliche Behandlung zu klagen. Der Kranke soll wohl durch die Verständnislosigkeit der Umgebenden vollständig isoliert werden; er soll allein mit seinem Gewissen seine Angelegenheiten abmachen; keine Möglichkeit haben, sich zu beklagen und ein falscher Märtyrer zu werden. Hast du nie Angst, wenn du hier bist?«

»Nein, ich nicht, denn ich beobachte mich. Aber es gibt Kandidaten, die sich durch liederliches Leben in einen Schwächezustand versetzen, und die graulen sich, obwohl sie an nichts glauben als an die Physiologie. Man hat ja hier Professoren gesehen, die befallen wurden; und Wärter hatten wir mehrere …«

Sie betraten das Schloß. Abstrakt, streng, trübselig wie das Selbstmordzimmer im Hotel, das Zimmer, das man stets dem Gast gibt, der am unglücklichsten aussieht, das Zimmer mit drei Türen und einem Fenster; in dem das Bett vor der einen verschlossenen Tür steht, deren Schlüsselloch sich neben dem Kopfkissen befindet, und das Sofa, das extra so gemacht ist, daß man weder darauf sitzen noch liegen kann, vor der andern Tür; dies Zimmer mit Aussicht auf den Hof und unaufgeräumte Zimmer gerade gegenüber, dieses Zimmer, das für den Selbstmörder reserviert zu sein scheint.

Graf Max fühlte sich beklommen; Esther aber, die zu spät kam, mußte sofort ihre Ronde machen, und der Freund ging mit ihr. Ein langer Korridor und eine Treppe hinunter; Feuerlöschapparate mit Schläuchen, die sich wie lange schwarze Schlangen an den weißen Wänden entlang schlängelten, Gasflammen gleich Schmetterlingen aus Feuer; schließlich ein vergittertes Fenster, vor dem sie stehenblieben.

Mitten in einem Raume, der wie ein Stall aussah, stand ein alter Mann, völlig nackt auf dem Steinfußboden, und streckte die Arme empor wie ein antiker Adorant oder ein Säulenheiliger.

»Warum ist er nackt?« fragte Max.

»Weil er sich die Kleider auszieht und vierzig Grad Fieber hat; das hat er drei Jahre lang gehabt, und so steht er seit drei Jahren. Er glaubt in einer Schlangengrube zu sein.«

»Dann ahne ich, wer es ist. Es ist der Mann, der Witwen und Waisen betrügerisch um ihren Besitz gebracht, sie ausgezogen hat, aber mit gesetzlichen Mitteln! Siehst du, daß es andere Gesetze gibt als die des Gerichts? Aber, Esther, warum glaubt er in der Schlangengrube zu sein? Er hat doch nicht den vierundzwanzigsten Gesang von Dantes Inferno gelesen, wo Diebe von Schlangen geplagt werden.«