»Was du sagst! Dante hat er sicher nicht gelesen!«
»Nun, wie meinst du, ist Dante darauf gekommen? Hat er es erfunden oder hat er einen Grund dafür gehabt? Gibt es in diesen Strafformen, die ihr Krankheiten nennt, etwas Objektives, Festes, das als Anhalt dienen kann? Ich sage ja, und mit gutem Grund … Ich glaube auch, daß sich in den Religionen Andeutungen darüber finden … Hättest du Swedenborg gelesen, so würdest du erkennen, daß seine Beschreibung der Höllen, die Gemütszustände, keine Orte sind, mit den Einbildungen zusammenfallen, mit denen du es hier zu tun hast. Es gibt also eine Konstante: suche sie, und du wirst die Lösung vieler Rätsel haben … wenn du willst oder kannst!«
Sie gingen weiter. Esther flatterte voran mit ihrem großen Pelerinenmantel und ihrem wirbelnden Haar, das in dem durchfallenden Licht der Gasflammen wie Gold leuchtete. Der Graf, schlank, dunkel, blaß, folgte.
Wieder blieben sie vor einem Gitter stehen. Da drinnen saß ein junges Mädchen auf einem Stuhl und tat nichts.
»Sprich mit ihr!« sagte der Graf.
»Was machen Sie denn, Fräulein?« fragte Esther, nur um Max den Willen zu tun.
»Ich leide,« antwortete das Mädchen, das von einer Schönheit war, bei der die Seele bis in die äußerste Haut drang.
»Warum leiden Sie denn?«
»Ich leide für die Missetaten meines Vaters; er hat keine Zeit, seine Strafe zu leiden, denn er muß für die Familie arbeiten. Und ich habe zu Gott gebetet, mich für ihn leiden zu lassen. Da ich unschuldig bin, sind meine Qualen größer, als die seinen wären, deshalb ist die Zeit verkürzt. Aber wehe ihm, wenn er undankbar ist oder sich nicht bessert, dann kommt es über ihn selbst! Das weiß er, und deshalb nimmt er sich in acht. Er weiß auch, daß ich ihm überall folge und ihn überwache. – O es ist schwer, aber es nimmt ein Ende. – In drei Jahren werde ich zu Weihnachten nach Hause kommen!«
Sie gingen weiter.