»Höre zu! In Dantes Inferno ist von Dieben gesagt, daß sie in Ermangelung anderer Dinge einander das Aussehen stehlen. Erinnerst du dich des nie entschiedenen Prozesses des norrländischen Diebes, des kombinierten Mordes und des Traums der Frau von etwas in einem Eisenbahnkupee … daran denke! Denke auch an die beiden geheimnisvollen Prozesse in Norrland und Östergotland, wo kein Verbrechen begangen zu sein schien, kein materielles wenigstens … und doch soviel gelitten werden mußte … außergerichtlich; ›schuldig und nicht schuldig‹ scheint das einzige Urteil zu sein … Ja, wenn wir alle unsere Gedanken aussprechen sollten … Rousseau war so unklug, das zu tun … wie wir innen aussehen! Und unser inneres Leben tritt bisweilen ans Licht, verwirrt die Begriffe, macht klare Aussagen unglaubhaft, dann wird der Ankläger der Schuldige. Deshalb sollten wir erst das Trinkgefäß inwendig rein machen … Was für eine schauerliche Maskerade ist das Leben! Ich kann nie in Gesellschaft gehen, denn ich höre Gedanken, lese Gesichter und bin so streng gegen mich selbst, daß ich meine heimlichen Gedanken strafe, die bisweilen ganz furchtbar sind, so daß ich mich nicht zu ihnen bekennen will … In schlechter Gesellschaft kann ich bisweilen immun sein, gewissermaßen geschützt, bisweilen aber kommt ihre Bosheit über mich, und sie sprechen durch meinen Mund … Dann haben sie den Eindruck, ich sei ein roher Mensch …«
Sie wanderten weiter und kamen schließlich an den großen Sitzungssaal, wo ein kleines Fest veranstaltet war.
Max wollte nicht hineingehen, sondern blieb an der Tür stehen.
»Dies erinnert mich an das Grauenvollste, was ich je gesehen habe. Es war ein sogenannter Wiener Ball für perverse Männer und Weiber in Berlin. Ich war mit dem Polizeikommissar und einem Arzt zusammen da. Stelle dir nur vor: ein junger Mann ist verliebt in einen Kerl von vierzig Jahren, mit rotem, grobem, häßlichem Gesicht, Schnurrbart und Kneifer, und macht ihm den Hof. Der sollte die Geliebte vorstellen. Wer hatte sein Gesicht geblendet? Was liegt dahinter? Es muß einen Grund geben! – Nein, ich will nicht hineingehen! Ich habe Angst vor Irren; sie wirken wie Dämonen, denn sie sprechen sofort all meine Geheimnisse aus, sogar all meine ungeborenen Gedanken. Und da hast du die Gleichung des Irren: er lebt in einem stummen Unterbewußtsein, nimmt einen auf Vorschuß, ist so scharfsichtig, daß er boshaft erscheint. Er hört an unglaublichen Orten alles, was noch nicht lautbar geworden ist; er sieht Gedanken und Gefühle; seine seelischen Kräfte stehen in gewisser Weise über unsern gewöhnlichen, deshalb paßt er nicht in die Maskerade des Lebens hinein … Ach, da ist ja der Dichter!«
»Ja, er predigt jetzt Sittlichkeit gegen sich selbst!«
»Und weiß nicht, daß die Schöne Helena mit seinen banalen Liedern die Runde macht?«
»Nein, das weiß er nicht!«
»Wenn er es erfährt, was wird dann geschehen? Seine Person scheint freilich bereits gespalten zu sein, aber wenn er mit seinem früheren Ich in Disharmonie kommen sollte, wird er die Dissonanz durch Kompromiß oder Kampf gegen sich selbst lösen? … Weißt du … diese Sittlichkeit, richtig aufgefaßt, hat mehr für als gegen sich. Mit der gewaltigen Schöpferkraft zu spielen ist ein Greuel, und er wird am schlimmsten und häufigsten in der Ehe betrieben, wo er ein Zeitvertreib geworden ist. Deshalb will ich aus sittlichen Gründen die Auflösung der Ehe. Im zweischläfrigen Bett verliert man seine Persönlichkeit, seine Selbstachtung, seinen Menschenwert. Da verkauft man seine Seele, lernt das Verschweigen, sich versöhnen nennt man das. Es ist das Grab, in das das Ebenbild Gottes gelegt wird, und aus dem das Tier aufersteht! Da wird die grenzenlose Verachtung seiner selbst, der Liebe, der Gattin und des Heims geboren! Ich hörte kürzlich, wie ein Mann, in dessen Küche sich die Bräutigams ablösten, nach dreijähriger Ehe endlich aufwachte und ausrief: ›Ich halte es nicht mehr aus, Bordellwirt zu sein.‹ Nein, jetzt gehen wir auf die Schanze. In einer Stunde ist Mitternacht!«
Die Gäste aus den Gotischen Zimmern gingen in kleinen Trupps durch die Nacht und plauderten; Alte und Junge, Väter und Söhne, Onkel und Neffen als gleichaltrige Kameraden; das war die Losung der Zeit: »Der Tod ist keine Entschuldigung, und das Alter hat keinen Rang. Die Vaterschaft läßt sich nicht beweisen, deshalb sind wir alle Brüder.«