»Aber das Leben ist öffentlich geworden, ganz wie im alten Athen: Ephoren und Zensoren durchforschen das Privatleben des einzelnen; darein muß man sich finden, muß es zu seiner Erziehung nutzen; im übrigen, wenn alle das Persönlichkeitsprinzip predigen, sind die Persönlichkeiten einer Kritik ausgesetzt, die persönlich werden muß. Aber als Korrektiv hat sich das Interview eingestellt. Früher konnte man auf eine unwahre Anschuldigung nicht antworten; das Urteil der Zeitung war drakonisch. Jetzt darf der Geringste antworten und sich erklären. Das ist ein großer Fortschritt.«
»Ja, aber wenn sie ungerecht sind …«
»Es gibt nichts Dümmeres, als ungerecht zu sein. Der Betroffene wird zum Märtyrer und erringt oft unverdiente Sympathien … Hier im Lande ist es schwer für ein Talent, hochzukommen, denn man nimmt lieber eine Unfähigkeit, die Bein vom eigenen Bein ist, und kreiert sie; aber es geschieht oft, daß man durch den Neid anderer auf einen Konkurrenten vorwärts kommt, und das ist der gewöhnliche Weg … Wollen sie einen Beneideten stürzen, müssen sie einen andern emporheben … Doch Reklame ist das Schlimmste, worauf man bauen kann, und ich begreife nicht, warum die Leute annoncieren! Wenn ich eine große Annonce sehe, bekomme ich Angst und denke, es ist Schwindel! Nein, die mündliche Propaganda durch einen Käufer, der eine gute Ware bekommen hat, das ist der einzige Weg! – Unser Freund Lundell, der Maler, hat sein ganzes Leben hindurch Reklame gemacht, ist aber nie etwas geworden, ist namenlos gestorben und jetzt nach einem Jahr vergessen!«
Isak war in edelmütiger Stimmung und spielte aus Trümpfe und Stiche nacheinander.
»Man mag sagen, was man will, aber ohne die Heilsarmee und die Guttempler wäre Schweden in Trunksucht verfallen. Angenehm sind sie ja nicht, indessen …«
»Als Vorschule für Amerika haben sie allerdings ihre Rolle gespielt, und für das Publikum … Jedenfalls sind die größten Reformen in unserm sozialen Leben auf privatem Wege durchgeführt worden, ohne den Reichstag; die Regierung hat ja nie etwas anderes getan als gehemmt. Das Ritterhaus stürzen war keine Kunst, und der Adelsalmanach ist noch vorhanden, aber die Fräuleinreform des Abendblattes, die hat dem Adel den Todesstoß gegeben. Das war eine Guillotine. Auf dieselbe Weise haben die Guttempler die Nüchternheit geschaffen und die Pietisten die Staatskirche vernichtet, hat die Literatur die Sitten umgebildet, haben die Privatbanken das ökonomische Leben reformiert.«
»Apropos Ökonomie! Weißt du, daß das beste Geschäft in Schweden die Lebensversicherung ist? Nicht weil die Leute an den Tod denken, sondern weil die Versicherungspolicen als Hypotheken für Darlehen benutzt werden, und da alle pumpen … Aber der größte Gewinn resultiert aus den verfallenen Versicherungen; wie schwedisch das ist! Um zu zweihundert Kronen zu kommen, bezahlen sie sechshundert an Prämien, und dann lassen sie die Versicherung verfallen!«
Der Doktor im zweiten Gliede war bei seinem Thema:
»Eines Nachts kam sie aus dem Theater und wollte ein Butterbrot mit Kalbsbraten und Gurken haben. Der Braten fand sich, nachdem sie mich schimpfend geweckt hatte, aber als die Gurken fehlten, wurde sie böse und drehte die ganze elektrische Beleuchtung an, die bis zum Morgen mit voller Kraft brannte. Als ich ihr dann die Leviten las, sagte sie, ich sei kein Gentleman, und als ich ihr schließlich wenigstens bewies, daß ich ein Mann bin, lief sie zum Advokaten und sagte, ich machte sie nicht glücklich, ganz wie deine. Kann man als gesunder Mann mit einem wahnwitzigen Kinde zusammenleben? Kann man seinen Namen und seine Ehre seinem schlimmsten Feinde geben? Den Mann, den sie liebt, haßt sie! – Brunst und Haß, das ist die Liebe der Frau! – Der Mann liebt und sie haßt! – Alles Schöne, das wir in ihr sehen, sind nur Projektionen auf ihr weißes Tuch, auf dem sich nichts befindet. – Die Welt wird in Haß vergehen! Die Kinder werden in Haß geboren, in Haß erzogen! Es ist widerlich, in einer perversen Zeit zu leben, in der alles auf den Kopf gestellt ist. Sehen sie einen Mann mit einem männlichen Willen, so sagen sie, er ist ein Weib; sehen sie einen Alphons, der im Namen der Frau spricht und seinen Willen einer Frau unterstellt, so heißt es: Seht, das ist ein Mann! So muß ein Mann sein! Der Dichter Grönlund, der sich gegen Bezahlung prostituiert und ein Entretenu ist, das ist der Dichter der Frauen! Er schreibt gegen sein eigenes Geschlecht und verleumdet es … Gynolatrie!«
Sie hatten die Insel passiert und waren an die Floßbrücke gekommen. Jetzt tauchte plötzlich der Schanzenberg im Licht der Feuerzeichen auf, und der Feuerkranz von Bredablick hing in der Dunkelheit …