»Er liegt unten im Achtersalon und schläft,« antwortete der Pfarrer.
Das war für die beiden Verschworenen eine überraschende Neuigkeit, und sie versanken beide in ein grübelndes Schweigen, das der Pfarrer benutzte, um durchs Fenster zu sehen, wie weit sie gekommen waren. Sie waren in der Kanalmündung, wo sich immer die Frage erhob, ob auch genügend Wasser da sei, daß das Schiff schwimmen konnte.
Man war erst eine halbe Stunde von der Hauptstadt entfernt, und schon begann die Wildnis.
Feldstein und Zwergkiefern, Moore und Binnenseen wechselten mit winzigen Ackerstücken, auf denen die kleine Landwirtschaft nur des Aussehens halber betrieben zu werden schien. Die adligen Landwirte lebten von Zinsen oder Berufen und hatten die Landbesitzungen in der Hauptsache der Jagd und Fischerei wegen, oder um auf dem Lande zu wohnen. Der einzige wirkliche Landwirt war der Pfarrer, der zweihundert Morgen offenen Boden, Viehstall und Meierei besaß, Pferde und Schlachtvieh aufzog, Schweine züchtete und nach neuen rationellen Methoden Eier herstellte; er hatte auch eine Wassermühle, war Aktionär der Dampfschiffsgesellschaft und baute Sommervillen zum Vermieten. Er war der reichste Mann auf Storö; die Seelsorge ließ er von einem Diakonus und einem Vikar erledigen, aber die Verwaltung und die Amtsarbeiten behielt er in der Hand, denn er liebte zu herrschen und einzugreifen.
Seinen Freunden und Verwandten gegenüber war er ein Lamm, wirkte wie ein gutmütiges Rindvieh, seinen Feinden gegenüber aber wie ein brüllender Löwe; und die Gemeinde betrachtete er als Feinde, besonders die Armen.
»Es gibt keine Armen,« sagte er. »Faule gibt es! Es gibt keine Kranken, das sind nur Heuchler, die Unterstützung genießen wollen.«
Bei der Steuereinschätzung war er wie ein Rasiermesser, wenn er geheime Einkünfte aufstöbern konnte. Da tatsächlich das ganze Kirchspiel in ewiger Fehde lebte, um von einander die Steuern einzutreiben, so wurden im Gemeindeausschuß die heftigsten Kämpfe ausgefochten, und Pastor Alroth ließ die Zugezogenen ausspionieren. Kaufte einer eine Villa, so wurden sofort seine Einkünfte in der Stadt mit in Rechnung gestellt, denn wenn der Käufer im Winter einige Zeit auf der Insel wohnte, war er dort ortsansässig. Es wurde ohne Ende geklagt und prozessiert; und beim Ting war der Pastor immer als eine Art öffentlicher Ankläger zugegen, jederzeit bereit, in allen möglichen Prozessen als Zeuge zu dienen. Er war kein gewöhnlicher Geistlicher und würde viele Feinde gehabt haben, wenn er nicht eine Ader Humor besessen hätte, die ihm erlaubte, über eigene und fremde Schwächen zu lächeln. Er war ein weltlicher Priester, was freilich wie ein Widerspruch klingt, da er dem geistlichen Stande angehörte; aber die Verweltlichung der Staatskirche, durch die die Priesterschaft gleichsam ein Stand geworden war, der von der Erde lebt, hatte die Geistlichen zu Landwirten und Meiereibesitzern gemacht, die mehr mit der Sorge um Ochsen und Kühe als um Menschen zu tun hatten. Er war auch ein lustiger Pfarrer, der an Gelagen teilnahm, und als der beste Wiraspieler der Gegend bekannt. Aber er vergaß sich nie, trank nie zuviel, mogelte freilich am Spieltisch, war jedoch der erste, es einzugestehen, wenn er ertappt wurde. Er fluchte nicht und legte es nicht darauf an, den aufgeklärten Skeptiker zu spielen; scherzte gern, aber nicht mit dem, was für ihn nicht erlaubt war; er glaubte an die Lehren und machte in Gesellschaft keine feigen Zugeständnisse. Um die Fragen und die Unruhe der Zeit kümmerte er sich nicht, las nie Bücher, verfolgte jedoch in den Zeitungen die Politik des Tages, die Zollfragen und die Steuererhöhung.
Mit seiner Schwester Brita neckte er sich im Scherz, und mit dem Schwager, dem Redakteur, war er ziemlich gut Freund. Doktor Borg mochte er gern, weil er ein ganzer Kerl war, und seine Grobheiten faßte er als Witze auf. Am meisten schätzte er den Doktor wegen seiner entschiedenen Haltung in der idiotischen Frauenfrage und verzieh ihm deshalb seine Wut auf die Hunde. Seine Verwandten waren Villenbesitzer, und er betrachtete sie als gute Nachbarn, setzte ihnen aber bei der Einschätzung Daumschrauben an. Seine Nächste, das heißt seine Gattin, mit der er in kinderloser Ehe lebte, behandelte er als Frau, als Kameradin und als Herrscherin des Hauses in der »Innenabteilung«; doch wehe ihr, wenn sie die Grenzen ihres Machtbereichs überschreiten wollte, dann verteidigte er seinen Platz. Brita war freilich gekommen und hatte sie aufzuwiegeln versucht, aber da hatte er, ohne Rücksicht auf den Hausfrieden, sich so aufgeführt, daß sie kapitulieren mußten.