»Überlege dir, was du tust, meine Liebe! Eine Scheidung in diesem Augenblick würde seine Chancen als Reichstagskandidat zerstören, und das willst du doch nicht; besonders würde er die Frauen gegen sich haben, und du weißt, wie die Liberalen von ihren Frauen beherrscht werden.«

»Das eben weiß ich, und deshalb werde ich ihn in der Frauenzeitung bekämpfen lassen!«

Punktum! Jetzt brannte es lichterloh, und Gustav konnte gehen. Aber ehe er ging, deutete er auf die kleinen Gläser und sagte freundlich und vertraulich:

»Laß so etwas nicht herumstehen, Dagmar; das kann im Prozeß gegen dich sprechen!«

»Trinkt er nicht auch?« sprühte Frau Borg.

»Doch, mein Kind! Aber nicht vormittags!«

Damit war dieses Zusammensein beendet.


Unterdes aber fand zu Hause beim Redakteur eine andere Zusammenkunft statt.

Kampf war auf allen Punkten, doch in dem damaligen Kampf um die Macht galt es, festzusetzen, was Liberalismus sei. Da alle in Entwickelungstheorien lebten, ging der Ehrgeiz dahin, an der Entwickelung teilzunehmen, sie zu fördern. Infolgedessen kämpfte man um die Chance, entscheiden zu dürfen, was Entwickelung sei. Einige glaubten, Entwickelung sei alles, was vorwärts drängte; als man aber alte Schäden und Krankheiten mit entsetzlicher Geschwindigkeit sich entwickeln sah, wurde man etwas zaghaft; und schließlich entdeckte man, daß Entwickelung nur Fortschritt an Menschlichkeit, zu Schönheit und Glück bedeuten konnte, durch Recht und Billigkeit gefördert. In Parteikämpfen aber gilt keine Vernunft; man hißt die Flagge und sagt: jetzt bist du der Feind! Doktor Borg, der Vernunft annahm, sollte um seiner Vernunft willen fallen. Als die Norweger 1885 in ihren heiligsten Rechten gekränkt wurden, hatte der Doktor unerschrocken ihre Partei ergriffen. Wie aber die Gefahr vorüber war und sie sich selbst helfen konnten, und zwar in dem Maße, daß sie mit Krieg drohten, hielt er weiteren Beistand für überflüssig; und da er schwedischer Untertan war, fand er es unrichtig, mit dem Feind zu gehen. Obwohl er in seiner Familie von der Frau nie etwas anderes hörte als norwegische Bauernprahlerei vom Morgen bis zum Abend, hörte, wie dumm und unbegabt die Schweden seien, wurde er doch nicht müde, dem recht zu geben, der recht hatte. Aber diese schwedische Ritterlichkeit, die sich auch in demonstrativen Huldigungen vor norwegischen Größen äußerte, wurde nirgends verstanden, und man erlebte sogar, daß norwegische Zeitungen die Schweden verhöhnten, weil die Künstler Lage Lang gefeiert hatten.