Deshalb wurde der Ehrengast sofort auf den Balkon geführt, der sich auf den großen, vollbesetzten Musiksaal öffnete. Als er hinaustrat, wurde die Nummer abgeklopft und man spielte die norwegische Nationalhymne: »Ja, wir lieben.«
Die Professoren bildeten eine geschlossene Gruppe, die im Zimmer blieb, denn sie hatten das Gefühl, daß etwas Unerlaubtes geschah, woran sie sich nicht beteiligen durften.
Darauf ward der Gast zu Tisch geführt! – Es war ein französisches Kabarett-Souper. Vor jedem Gast standen sechs Austern und eine offene Flasche Weißwein ohne Namen, ganz wie bei Laurent in Grez, und damit war der Ton gegeben, waren die Erinnerungen geweckt und die Stimmung der achtziger Jahre heraufbeschworen, obwohl man jetzt in den bedächtigen neunzigern war.
Es bedurfte nur eines Nomen proprium, um die Erinnerungen auflodern zu lassen.
»Barbison! Marlotte, Montigny, Nemours! – O!« Oder: »Manet, Monnet, Lepage! – O!«
Noch wurden keine Reden gehalten, aber alle sprachen auf einmal; Friede und Freude, Eintracht und Fröhlichkeit herrschten.
Beim Dessert stieg die Stimmung zur Ekstase. Man warf Apfelsinen über den Tisch, Servietten flogen durch die Luft, Tabakrauch wirbelte und Streichhölzer wurden wie Raketen hochgeworfen; eine Gitarre hervorgezaubert; Spadas Lieder im Chor gesungen. Das war das Signal zur Auflösung der Konvenienz; die Professoren ließen sich mitreißen und wurden jung; sie hakten ihre Ordenssterne ab und verteilten sie mit offnen Händen; auf Selléns Rücken hing der Wasaorden, und ein Kellner trug das Kreuz der Ehrenlegion auf der Achselklappe.
Schließlich wurde auf den Tisch geklopft. Doktor Borg sprach:
»Wir haben auf das Wohl des Freundes Lage Lang und auf das des Künstlers getrunken, jetzt will ich auf den Norweger trinken: Sie dürfen nicht glauben, daß ich die Norweger mit ihrem Bauernstolz und ihren großen Gebärden liebe; ich bin selbst mit einer Norwegerin verheiratet, wie Sie wissen, und das ist ein verteufeltes Volk; aber ich liebe Gerechtigkeit; ich will eine trotzige Nation nicht dadurch gedemütigt sehen, daß sie sich unsern König sechs Wochen im Jahr ausleihen muß, und ich will keine Intimität mit einem fremden Volksstamm, der eine andere Entwicklung hat als wir; ich will nicht mitansehen, daß Norweger im schwedischen Reichstag sich in unsere Angelegenheiten mischen und zu allem nein sagen, gerade wie die Polen und Elsässer im deutschen Reichstag; ich will Frieden mit den Nachbarn haben, und dieser Friede kann wie in einer unglücklichen Ehe nur durch Trennung erreicht werden. Sie schrecken mich nicht mit dem Russen, denn freie Norweger und freie Schweden sind stark durch eine freiwillige Allianz, aber schwach durch eine dynastische Union, die keine Union ist; Norwegen ist nämlich de facto ein Kronland, wie es Böhmen Österreich gegenüber ist, und als solches gefährlicher denn ein Bundesstaat; die Politik der schwedischen Regierung ist eine betrügerische und schreibt sich aus den Zeiten der heiligen Allianz her, da Volksrecht und Billigkeit außer acht gelassen wurden; man hat Haß zwischen den Brudervölkern zu erwecken versucht, aber wehe denen, die eine solche Spaltung anstrebten, um herrschen zu können! Wehe ihnen! – Uns, die wir für Einigung und Versöhnung gearbeitet haben, nennt man Vaterlandsverräter! Jeden, der uns so genannt hat, nenne ich ein Rindvieh! Da habt ihr das Wort! – – – Lage Lang, ich trinke auf ein freies Norwegen, ohne das es kein freies Schweden geben kann, und auf ein versöhntes!«
»Ein freies Norwegen! Lage Lang!«