Das Merkwürdigste von allem aber waren seine chemischen Berechnungen über Ein und Aus des Viehstalls. Da stand eine Kuh und verzehrte nur trockenes Heu nebst einigen Eimern Wasser. Das Heu bestand doch hauptsächlich aus Zellulose, die stickstofffrei war, und das Wasser enthielt keinen Stickstoff. Woher kam dann der unerhörte Überschuß an Stickstoff, den Milch und Dung enthielten? Antwortete er: aus den verbrauchten Geweben des Tierkörpers, so mußte er wieder fragen, wo der Tierkörper den Stickstoff zur Erneuerung der Gewebe hernahm; denn wurden diese nicht erneuert, so würde das Tier nach drei Monaten spurlos verschwinden. Aus dem Heu kamen nur ganz unbedeutende Mengen Stickstoff und aus dem Wasser überhaupt keine; wurde er denn aus der Luft genommen? Nein, behauptete Pettenkofer! Es war also ein Wunder, oder die Chemie auf dem Holzweg.
Und wenn er mit Kartoffeln fütterte, die neunzig Prozent Wasser und zwei Prozent Stickstoff enthielten, war das Resultat das gleiche. Da mußte man ja glauben, stickstofffreie Stärke könne sich in – stickstoffhaltiges Eiweiß verwandeln und Wasser in das Ammoniak übergehen, das im Dunghaufen im Überfluß vorhanden war. Aber das widersprach den geltenden wissenschaftlichen Theorien, und deshalb stand er vor einem Rätsel, das er schließlich beiseite schob.
Handgreiflicher waren dagegen die Angaben des Hauptbuches, nach denen er in diesem Jahre für dreitausend Kronen Thomasschlacke zur Düngung des Bodens gekauft hatte, während die Pachtsumme sich auf zweitausendfünfhundert Kronen belief. Das war eine nackte, schlagende Tatsache, die ihn auf einen neuen Gedanken brachte, der seine ganze Lage beleuchtete. Der Boden kann einen Besitzer ernähren, nicht aber Besitzer und Pächter zusammen; der Boden kann sich selbst düngen durch eine gut geregelte Viehhaltung, aber der Boden ist nicht imstande, Düngemittel zu kaufen. Das hätte er vorher wissen müssen, doch das stand weder in den landwirtschaftlichen Lehrbüchern, noch in der Nationalökonomie.
Er hörte jemanden kommen, klappte die Bücher wieder zu und steckte sich eine Zigarre an, um seine Unruhe zu verbergen.
Seine Frau kam herein, jung und kräftig, jetzt aber mit bekümmerter Miene.
»Anders! Gib mir die Schlüssel zum Speicher; ich muß Mehl zum Backen haben.«
»Mehl? Wir haben keins mehr!«
»Wir haben keins mehr?«
»Nein!«