Der starke Naturalismus der achtziger Jahre mußte ins Meer verströmen, wie alle andern Ströme. Die naturwissenschaftliche Methode war verblüht und trug keine Frucht mehr; viele nahmen die Methode für die Wahrheit selbst und hielten eigensinnig an der morschen Planke fest, als sie unterging. Andere, die wachsen wollten, suchten neue Fahrzeuge, um weiter zu kommen. Sie schieden von dieser Periode allerdings mit Bedauern, denn diese Verwilderung, dieses Indianerleben war erfrischend gewesen wie das Räuberleben der Schuljungen in den Sommerferien; dieses einseitige Licht, das auf Welt und Menschen fiel, gab ein scharfes Relief, setzte die Dinge und die Ereignisse in Rembrandtsche Beleuchtung; diese Neueinschätzung alter Gegenstände brachte buchstäblich eine neue Weltanschauung mit sich, die nicht auf weite Entfernung, in der Nähe aber sehr scharf sah. Das war die mikroskopische Methode. Wer aber mit Mikroskopie gearbeitet hat, weiß nur zu gut, daß man Zellen und Gefäße sehen kann, wo nur Luftblasen sind, und daß das Staubkorn Gegenstand einer irreführenden Demonstrierung eines nicht vorhandenen Organs werden kann. Damals, 1889, bekam die Welt zwei neue Denker oder Propheten, Langbehn, den Verfasser von »Rembrandt als Erzieher«, und Nietzsche, in der Hauptsache Verfasser von »Jenseits von Gut und Böse«. So große Unterschiede auch zwischen diesen beiden bestanden, die als diametrale Gegensätze erscheinen konnten, so hatten sie doch eine gemeinsame Tangente, und das war ihre Reaktion gegen den Mikroskopismus. Langbehn ist in erster Linie Makroskopist. Was Rembrandt mit seinem Buch zu tun hat, hat nie ein Mensch begriffen; und obwohl man jeden einzigen Punkt in dem ganzen Werk widerlegen zu können glaubte, eröffneten sich doch hinter Tatsachen neue Perspektiven, und die Naturwissenschaft, die in den Händen der Detaillisten im Sterben lag, bekam neues Leben.

Langbehn, mit dem das Jahrhundert hätte schließen müssen, ist eigentlich ein wiedererstandener Kant, mit dem das Jahrhundert begann; beide suchen die Rettung im Postulat und im Imperativ, da die Urteilskraft und die reine Vernunft nicht die Fähigkeit bewiesen hatten, die Welträtsel zu lösen oder dem Individuum den Halt zu geben, der nötig ist, um auf offner See Kurs halten zu können. Sowohl Darwin wie Haeckel hatten sich im voraus, wenn auch vergebens, gegen die raschen Konsequenzen verwahrt, die man aus ihrer Herleitung der Arten in Bezug auf die Emanzipation der Ethik gezogen hatte, und Langbehn reagiert gegen die naturalistische Psychologie, die zur Veterinärwissenschaft erniedrigt wird. Wenn die Naturalisten sagten: Laßt uns Menschen sein! so meinten sie: Laßt uns Tiere sein! Sogar die Theologie oder die Lehre von Gott wurde von der Zoologie hergeleitet. Die Furcht des Tieres vor dem Unbekannten und die Verwechselung von Traum und Wirklichkeit durch den Willen sollte der Ursprung der Religion sein!

Was sollte man da von einer Welt glauben, in der die Menschen als Märtyrer für eine Unwahrheit gestorben waren? Was sollte man von dem Künftigen denken, wenn das Vergangene als Lüge hingestellt wurde? Achtzehnhundert Jahre Christentum, die eines schönen Tages sich als ein Irrtum erwiesen? Das war zu närrisch, und ein Schuß vor die Stirn war das einzige und das letzte!

Dem Revolver stand die Menschheit jetzt gegenüber und sah keine Rettung.

Da kam der zweite Prophet, Nietzsche, und erklärte zuerst, daß das Böse gut sei und das Gute böse, ferner, daß Gut und Böse nicht existierten. Das war die Apologie des Verbrechens, die Verbrechermoral, die in Oscar Wildes Perversität ihren schärfsten Ausdruck fand. Hatte Langbehn durch seine Negativbilder unfreiwillig die Lichtseiten des Naturalismus hervorgehoben, so trieb Nietzsche ihn durch Karikaturen aus, die seine Fehler betonten.

In Paris war gleichzeitig ein Gefühl für die Unzulänglichkeit des Positivismus erwacht, und es begann Zeitungsartikel zu regnen mit Überschriften wie: »Hier wird eine Religion gesucht«; »Stellung findet ein Prophet«; »Zu mieten gesucht eine allgemeine, zeitgemäße Kirche«.

Selbst Zola begann zu erwachen, und er, der als Zuschauer, ruhig, gefühllos dagesessen hatte, erhebt sich, um sich nach einer Religion umzusehen. In Lourdes findet er sie nicht, da sein Arzt das Wunder »erklärt«, nicht als Betrug – das wäre zu alt –, sondern als Hypnose. Da geht er nach Rom, nicht ohne die Illusion, das Christentum modernisieren zu können und einen zeitgemäßen Kompromiß zwischen Wissenschaft und Religion zustande zu bringen. Aber das gelingt ihm nicht. Später sucht er als fanatischer Gläubiger seine Religion im Fortschreiten der Menschheit durch Wissenschaft und Arbeit zu Gerechtigkeit und Wahrheit und endet in Cabets paradiesischem Ikarien, wo das Lamm mit dem Löwen spielt und die Vögel des Waldes am vollen Tisch des Phalansters speisen, und wo es keine Armen gibt.

Zola wuchs vom sterilen zoologischen Zweifel zum Glauben an Fortschritt zu Glück und Tugend (das war ein neues Wort). Aber viele seiner Schüler blieben im Wachstum stehen und fuhren fort, das abgenutzte Programm herunterzuspielen, das jetzt für Leierkasten gesetzt worden war.

Zola endete also als Idealist im wahren Sinne des Worts; und obwohl er die religiösen Formen haßte und bekämpfte, besonders die römischen, war er auf seine Art religiös, gläubig.

Doch die französische Jugend der neunziger Jahre hatte Zola nicht gekannt, wollte ihn nicht kennen, nichts mit ihm zu tun haben. Sie hatten einen ganz andern Lehrer und Propheten, und das war Josephin Peladan.