Es ist unfaßlich, daß unsere Literarhistoriker, die vom Staat dafür bezahlt werden, die zeitgenössische Literatur zu verfolgen, nie die merkwürdige Erscheinung Peladans erwähnen, höchstens im Vorbeigehen mit einem Lächeln, während sie über seine deutschen Epigonen Vorlesungen halten. Man fragt sich, ob sie von seiner Existenz nichts wissen; oder ist es Peladans Schicksal, nie diese liederliche Popularität zu erreichen, die gewöhnlich damit endet, daß man vulgarisiert wird, daß der Haufe das Idol satt bekommt, daß die Größe fällt und auf den Kehricht geworfen wird?
Schon 1884, also als Zola erst bis zum »Bonheur des Dames« gelangt war, beginnt Peladans Wirksamkeit mit dem ersten Bande seines Zyklus La Décadence Latine – betitelt Le Vice Suprème.
In den zwanzig Jahren, die seitdem vergangen sind, hat er vierzehn Romane herausgegeben, außerdem Dramen und philosophische Arbeiten, insgesamt achtunddreißig Bände. Die vierzehn Romane laufen parallel mit denen Zolas, aber während dieser im Rougonzyklus das zweite Kaiserreich schildert, malt Peladan seine eigene Zeit, die dritte Republik. Finis Latinorum ist sein Motto, und er glaubt, daß die Lateiner untergehen; er sagt ihren Untergang voraus, schildert wie ein Juvenal alles Elend in dem modernen Paris; mit der gleichen Unerschrockenheit wie Zola und mit derselben naiven Schamlosigkeit. Sein Material an Erlebtem und Gesehenem ist unerhört, sein Stil lodernd vor Eifer; er taucht in den Schlamm unter, kommt aber immer wieder herauf, schlägt mit den Flügeln und erhebt sich zu den Wolken.
Sein glänzendster Roman ist die »Initiation sentimentale«, ein Buch über die Liebe in allen Arten, Tonarten und Abarten, in dem er von allen möglichen Häusern die Dächer abhebt und die Eingeweide von Paris zeigt. Es ist ein furchtbares Buch, reich, groß, und schön trotz allem Häßlichen, das er darin darstellt.
Derselbe Mann hat eine Großtat gewagt, und sie ist ihm gelungen! Er hat zu Äschylos' Prometheus die beiden Teile der Trilogie, die verloren sind, hinzugedichtet; und wenn sie im Ton nicht ganz dazu passen, so liegt das an ihrem reicheren und tieferen Inhalt, zum mindesten erscheint es jedem so, der nicht an die Unerreichbarkeit der Antike glaubt. Es wäre ja betrübend, wenn die Welt nicht fortschritte und Gedankenleben und Ausdrucksmittel ebenfalls vervollkommnete.
Peladan ist kein Nationalist oder Revanchemann; er ist Weltbürger und hat in Frankreich trotz dem Widerstand der Patrioten Wagner eingeführt; und schwerlich hat irgend ein Deutscher seinen Wagner so gigantisch aufgefaßt wie Peladan den seinen.
Für die moderne Kunst hat er durch seine Ausstellungen gewirkt, und alles, was Symbolismus heißt, hat er gestartet.
Woran liegt es bei ihm, daß er nicht über seine Kreise hinausgedrungen ist? – Ja, er war zu gebildet, um von allen begriffen zu werden; er war christlich wie ein Kreuzfahrer, und das war ihm bei den Heiden im Wege; er ging mit den Chequards und Panamisten der dritten Republik streng ins Gericht.
Peladans Einfluß ist unberechenbar groß; doch er wirkt nicht direkt sondern durch seine Jünger. Man zitiert ihn nicht, aber man schöpft aus seinen Trögen; seine Person wurde preisgegeben und sie fiel wegen seiner Vatermörder wie Kierkegaard wegen des grünen Regenschirms; aber er lebt als die Stimme eines Rufenden, der germanische Bildung in sein Land einführte und dessen verschlossene Tore für Europa öffnete.