Der Menschengeist erwachte aus seiner Isolierung und fühlte die Kräfte aufhören, da er den Kontakt mit dem Jenseits abgebrochen hatte. Dies Suchen nach einer Verbindung mit dem Immateriellen war ein charakteristischer Zug der neunziger Jahre. Nachdem nämlich Haeckel in den achtziger Jahren sein Systema Naturae oder die Stammtafel der Schöpfung aufgestellt hatte, war es aus mit der Naturwissenschaft; nicht eine einzige neue Erfindung von Bedeutung wurde gemacht; die Serumtherapie machte den größten Alarm, erwies sich aber als falsch; dann kam nur noch Kleinkram auf allen Gebieten, kleine Entwickelungen alter Thesen und viel Hallo auf falschen Spuren. Die Naturwissenschaft war tatsächlich bankrott. Die Kraftquelle der Zeit, die Elektrizität, wurde durch den ungelehrten Edison in die Industrie eingeführt, der das Licht vervollkommnete und den Phonographen herstellte; das Telephon war Bells Erfindung aus den sechziger Jahren; so daß der herrschende Darwinismus keinerlei epochemachende Folgen für das kulturelle Leben der Zeit hatte, nicht einmal in der Chemie, wo Mendelejeffs periodisches System wie ein Grabmal auf dem Totenacker der Systematik steht.

Da entdeckte man, daß man auf falschen Spuren war, und machte kehrt, um am Kreuzwege eine neue Straße zu suchen. Man hatte Erscheinungen und Tatsachen gesammelt, konnte aber nichts erklären; und erklären hieß doch, das herausfinden, was hinter dem Phänomen lag; als man nun merkte, daß das, was dahinter lag, sich »auf der andern Seite« befand, da suchte man ganz logischerweise das Jenseits. Das war die Mystik, die zu jener Zeit von sich reden machte. Und damals stieg Swedenborg nach hundertjährigem Grabesschlummer empor. Er kam auf vielen Wegen wieder. Durch Balzac, den man in einer billigen Ausgabe wieder zu lesen begann, während man in Swedenborgs Nichte Seraphita Spuren von Nietzsches Übermensch und Peladans Androgyn fand. Die Pariser Okkultisten entdeckten Swedenborg und Böhme wieder durch Forschungen in Eliphas Levi und Saint Martin; die Theosophen witterten ihn in der Geheimlehre Blawatskys. Aber die stärkste Stütze für den Mystizismus war das Erscheinen von Berthelots Geschichte der Alchimie. Dieser Positivist, der mit der Synthese der Kohlenwasserstoffe gearbeitet hatte, leistete hier dem Mystizismus einen unbeabsichtigten Dienst. Wenn man nämlich in wenigen Worten den Unterschied zwischen Alchimie und Chemie angeben will, so kann man sagen, daß die Alchimie an die Fähigkeit der Grundstoffe glaubte, in einander überzugehen (Transmutation), die neuere Chemie aber nicht. Nun hatte Berthelot im Lauf der Arbeit eine steigende Sympathie für die Alchimisten gezeigt, was den Mut der Kleinmütigen, weiterzuforschen, stärkte. Gleichzeitig hatte Crookes in seiner »Entstehung der Grundstoffe« die Ansicht ausgesprochen, die »einfachen Stoffe« seien entstanden und hätten sich einer aus dem anderen entwickelt. Lockyer hatte dem Französischen Institut seine Vermutung unterbreitet, Phosphor sei ein zusammengesetzter Stoff, weil er zwei Spektren besäße. All das stand ja im Einklang mit dem herrschenden Monismus oder der Einheit des Alls und hätte folgerichtig die Ansicht der Zeit sein müssen; aber inkonsequenterweise hielt man den Glauben an die spezielle, unveränderliche Natur der Grundstoffe aufrecht, wodurch man unfreiwillig die verworfene Lehre von besonderen Schöpfungsakten unterstützte.

Berzelius wiederum hatte schon 1835 die wichtige Frage gestellt: »Sind die Metalle einfache Stoffe?« und in seiner Antwort darauf die folgenden entscheidenden Worte ausgesprochen: Ein Körper, den ich den Metallen beigeordnet habe, ist Ammonium, das aus Stickstoff und Wasserstoff besteht und dessen Metallisierung vermittelst Elektrizität den Gedanken an ein zusammengesetztes Metall zuzulassen scheint … Was den einfachen Zustand der andern Metalle zweifelhaft macht, ist, daß sie in der organischen Natur aus Stoffen zu entstehen scheinen, die keine Spur von diesen Metallen enthalten.

Im selben Augenblick aber, wo die Metalle nicht einfach waren, konnten sie ineinander übergehen, und die selbstverständliche Schlußfolgerung daraus ergab sich mit gebieterischer Unwiderstehlichkeit: Man kann Gold machen!

Die nächste Schlußfolgerung war: Man hat immer Gold aus Schwefelkies »gemacht«, wenn man es auszuziehen geglaubt hat. Was Gahns Beobachtung erklärt, daß fast aller Schwefelkies Gold enthält.

Doch die Trägheit der menschlichen Gehirne, besonders der trainierten, ist so groß, daß sie, wenn sie das erste Corollarium gezogen haben, das zweite nicht zu ziehen vermögen.

Deshalb löste sich das Staunen in ein dummes Grinsen auf, das allmählich boshaft wurde und damit endete, daß man die Zähne zeigte. Als schließlich in unserm neuen Jahrhundert Ramsay (und Kelvin) bewiesen, daß Radium Helium werden kann, bekamen die alten Routiniers Krämpfe, da sie einsahen, daß sie auf falschem Wege waren und es zum Umkehren zu spät sei.

Dies war die Geschichte der Goldmacherei in den neunziger Jahren, die so einfach war, einfacher als das Ei des Kolumbus.

Um aber zu Swedenborg zurückzukehren: Hundertköpfig stieg er aus dem Grabe: die Astronomen in Pulkova grüßten ihn als Astronomen, als Vorgänger Kants und Laplaces; die Zoologen entdeckten ihn und stellten fest, daß Buffon in seiner Einleitung zum Tierreich seine Kosmogonie geplündert habe; die Chemiker und Bergkundigen besonders huldigten ihm; und schließlich kamen Physiologen und Anatomen in Scharen, um dem Wiedergeborenen Weihrauch und Myrrhen darzubringen! Gekrönt aber wurde Swedenborg von einem Literarhistoriker Max Morris, der in einer längeren Abhandlung das liberale Idol der Zeit, Goethe selbst, als Schüler Swedenborgs hinstellte. »Swedenborg im Faust« heißt der Aufsatz (im Euphorion 1899, Heft 6), in dem aus den Arcana Coelestia bewiesen wird, daß Fausts Berührungen mit der Geisterwelt von Swedenborg vermittelt sind, über Kant und Fräulein von Klettenberg (schon 1771).

Was sagten die Goethe-Freunde dazu? Nichts, denn wenn man keine Antwort hat, sagt man gewöhnlich nichts!