Dies waren die hauptsächlichsten geistigen Bewegungen des Jahrhundertendes, die in den letzten Jahren doch in einigen großen Funken flammend aufglühen sollten, um dem neuen Jahrhundert zu leuchten, das vielleicht das allergrößte werden wird, wenn auch das neunzehnte Jahrhundert das größte war, – nach dem fünfzehnten.
Neuntes Kapitel
Esther
Esther Borg, die Tochter des Redakteurs und Frau Britas, war ein Mädchen ohne Schönheit, das wußte sie selbst; und deshalb erwachte sie früh zu dem Entschluß, etwas zu werden, statt auf einen Mann zu warten. Mit siebzehn Jahren wurde sie Studentin und ging nach Upsala, um Medizin zu studieren, nicht aus besonderer Begabung, sondern um etwas zu tun zu haben.
Sie kam durch ihren Namen in Kreise, in denen man mit den Fragen der Zeit fertig war und eine neue Auffassung vom Leben bekommen hatte, eine Antizipation des Kommenden. Es waren keine Zweifel oder Befürchtungen mehr, es waren Axiome.
Von den männlichen Kameraden wurde sie als Kamerad behandelt, aber als ein männlicher, vor dem man sich nicht genierte. Das hatte anfangs für sie einen gewissen Reiz, und sie fühlte sich über ihre Stellung als Geschlechtswesen emporgehoben; aber sobald ein weiblicher Kamerad von einiger Schönheit in den Kreis kam, wurde es anders. Wenn dieser als Kamerad aufgenommen wurde, geschah es in anderer Art. Die Schöne wurde mit Ritterlichkeit behandelt, als eine überlegene inkommensurable Größe; mit einem Wort als Frau. Der rohe Scherz verstummte, die Herren wurden gesittet, Wärme verbreitete sich, und eine Stimmung voll dumpfer Lyrik legte sich über die Gesellschaft, in der Esther ihren Platz nicht wiederfand; denn sie konnte ja von weiblicher Schönheit nicht angenehm berührt werden, noch das Entzücken ihrer Kameraden einer Angehörigen ihres Geschlechts gegenüber teilen.
Da spürte sie das Schiefe ihrer Stellung; und sie empfand die Gleichheit mit dem Manne als eine Beleidigung, eine Kränkung, besonders, da sie vernachlässigt wurde. Deshalb achtete sie nicht mehr auf ihr Äußeres, legte alle Weiblichkeit ab, ging in Kneipen, schob Kegel und nahm eines Abends an einer Prügelei mit Handwerksburschen teil. Beim Radeln trug sie eine Sportjacke mit Kniehosen, und dies Kostüm nahm ganz allmählich die Form einer Männertracht an.
Die Kameraden vergaßen auch allmählich, daß sie Weib war, nannten sie nie Esther, sondern Borg, im Anfang; abends aber hieß sie Pelle und trug dann einen Kaisermantel mit Pelerine und die Studentenmütze, so daß jeder sie für einen Mann halten mußte.