Eines Abends nach einer großen Kneiperei auf der »Rolle« schlug ein Mediziner vor, zu Mädchen zu gehen; und Pelle ging mit; das fand man ganz natürlich. Als Szene war es freilich neu, obwohl es vor dem Studenten der Medizin Esther Borg keine Geheimnisse gab.
Die Mädchen guckten den Burschen zwar etwas erstaunt an; aber sie hatten an anderes zu denken, und man war ja hauptsächlich da, um zu trinken und zu schwatzen. Unter den Gästen befand sich auch ein junger Graf, der wußte, wer Esther war, und es doch seltsam fand, ein Mädchen aus guter Familie an einem solchen Ort zu treffen.
Einen Augenblick leerte sich der Raum, so daß der Graf und der falsche Jüngling allein blieben.
Das Zimmer hatte eine gewisse Stimmung; da die Decke niedrig war, konnte über dem Kopf keine Dunkelheit entstehen; die Wände waren von geschnitzten Leisten in Felder eingeteilt mit gemalten Landschaften, auf denen Schäfer und Schäferinnen ihre Schafe hüteten und Kirschen aßen, unschuldig, kindlich. Die Fenstervorhänge waren aus großblumigem Taft, und zwischen ihnen sah man das Schloß im Mondschein. Der Graf hatte sich an das alte Klavier gesetzt und klimperte jetzt mit den Tasten, als erwarte er, durch eine Anrede Esthers unterbrochen zu werden. Aber als sie hartnäckig schwieg, spielte er Chopins zweites Nocturno in G-Dur.
Esther kannte es nicht, deshalb staunte sie über die schönen Töne, die in diesem Augenblick zu entstehen schienen. Modulationen in Dur, die wie Moll klingen, der tiefste Schmerz, der seinen eigenen Trost in sich trägt; eine schlaflose Nacht, die die Wohltat hat, nicht von schweren Träumen gestört zu werden, wie qualvoll das Wachen auch sein mag. Der Ort veränderte sein Aussehen, die Umgebung vergoldete sich, und das junge Mädchen wurde von einer Wehmut ergriffen, die ihrer indolenten Natur fremd war. Sie war hierhergekommen wie in den Seziersaal, wo es schrecklich war, wo aber das Häßliche vom Interesse geadelt wurde. Plötzlich öffnete sich ihr eine andere Welt der Reinheit und Schönheit; eine lichte Wolke isolierte die beiden von der unsauberen Umgebung, stellte sich schützend um sie und ließ sie vergessen, wo sie waren.
Als der Graf aufhörte zu spielen, mußte er sprechen, da sie nichts sagte.
»Wissen Sie, was ich gespielt habe?«
»Nein, ich kenne es nicht.«
»Das war Chopin! Und ich habe das Gefühl, als habe er dies Nocturno eines Nachts gedichtet, an einem solchen Ort, wo man wehmütig wird in dem Suchen nach einer Freude, die man nicht findet; wo man das Elend des ganzes Daseins vor dem Unvollkommensten alles Unvollkommenen empfindet.«
»Glauben Sie wirklich, daß Chopin solche Orte besucht hat?« fragte das Mädchen, das noch nicht recht bei der Sache war.