Der Graf lächelte schwermütig:

»Ja, sicher hat er das getan; ist das so sonderbar? Sie und ich sitzen ja auch hier.«

Dies Sie und ich hob sie empor, schloß sie zu einem wir zusammen.

»Das stimmt,« antwortete Esther naiver als sie wollte, da sie damit ja die Artigkeit akzeptierte.

Der Graf lächelte über den weiblichen Zug, eine Schmeichelei nicht zu verschmähen; und in diesem Augenblick fühlte das Mädchen, daß sie von jemand vom andern Ufer angesprochen wurde, und sie suchte einen Kontakt mit diesem besseren.

»Was tun wir hier eigentlich? Warum sind Sie hier?« fragte sie unwillkürlich fast vorwurfsvoll.

»Ja, mein Fräulein, das ist nicht leicht zu sagen. Ich gehe mit; ich lasse den Schatten eines Verdachtes auf mich fallen, daß ich den andern gleich bin, um einem andern ungerechten Verdacht zu entgehen. Im übrigen haben dieser Ort und seine Bewohner eine Anziehungskraft. Sie erinnern an einen Naturzustand, den wir überwunden haben, deshalb scheint mir Ihr Benehmen naiv wie das des Landmädchens. Ich sehe nie etwas Unkeusches, nie irgendwelche Reue, die das Bewußtsein eines Unrechts andeuten würde; ich verstehe es nicht, aber ich kann es nicht verurteilen, ich billige es freilich auch nicht. Letzte Weihnachten, am Weihnachtsabend, ging ich an der Frauenabteilung des Krankenhauses vorbei. Das Haus sieht aus, als litte es an allen Krankheiten, die es gibt, und der Putz ist stellenweise abgefallen wie Wundschorf. Also, ich ging in Weihnachtsgedanken da vorbei, und durch das Fenster zu ebener Erde mit dem Eisengitter drang Gesang auf die Straße hinaus; ich empfand einen Augenblick unendlichen Schmerz, als ich mich in die Lage dieser Unglücklichen versetzte – denken Sie, ein Weihnachtsabend da drinnen! – Aber was geschah? Der Gesang drang lauter zu mir heraus, und ich hörte: ›O wonnevolle Studienzeit …‹«

Esther unterbrach ihn und fuhr fort:

»Ich hatte gerade an dem Abend drinnen die Ronde, und ich sah sie um den Weihnachtsbaum tanzen, an dem ein Kruzifix hing, das sie von den Elisabethschwestern bekommen hatten. Sie zeigten die gleiche ungeheuchelte Freude über den Gekreuzigten wie über die Pfefferkuchenmänner. Sie nannten den Gekreuzigten Erlöser, nicht Christus, und den Namen Jesus sprechen sie nie aus. Sie glauben an den Erlöser und sprechen von ihm wie kleine Kinder; hören sie einen Freidenker lästern, so schaudern sie und drücken ihren Abscheu aus. Können Sie diese Menschen erklären?«

»Nein, das kann ich nicht!« antwortete der Graf; »und deshalb behandle ich sie stets mit einer indifferenten Achtung als Mitmenschen. Ist Ihnen übrigens aufgefallen, daß man an ihren Wänden nie ein unanständiges Bild sieht, fast nie aus ihrem Munde ein plumpes Wort hört …«