»Dann verlange ich Aufschub!« antwortete Frau Brita; »ich muß die Angelegenheiten des Hauses ordnen, verstehst du, und dann verlasse ich dies Haus in Frieden.«

Das klang aufrichtig und war es auch teilweise als Ausdruck des Schmerzes, der immer den Gedanken an Scheidung begleitet. Der Mann, der dasselbe empfand, ließ sich täuschen und versprach, drei Tage lang nichts zu unternehmen, gegen die Zusicherung, daß der Graf das Haus verlassen werde.

Darauf zog er sich in seine Zimmer im ersten Stock zurück und bat, bei Tisch nicht auf sein Erscheinen zu rechnen.


Am Abend nach diesem Auftritt hörte Gustav Borg ein eifriges Telephonieren, ein Vorfahren und Abfahren von Schlitten, ein Tappen auf Treppen und Korridoren; aber da das Haus sehr groß war und er keine Neugier zu zeigen wagte, blieb er im Unklaren über das, was vorging. Diese Ungewißheit wirkte jedoch beunruhigend, besonders da sein Entschluß ja von den Angriffsplänen der andern abhing. Seine Vermutungen begannen ihr Spiel, und er stellte eine Kombination nach der andern auf, verwarf sie aber immer wieder, wenn der lose Sand seiner Vermutungen nicht stand hielt.

Die Einsamkeit in dieser Lage wurde ihm unerträglich; doch er wagte seine Zimmer nicht zu verlassen. Er wollte seiner Gewohnheit getreu ins Kinderzimmer hinuntergehen und den kleinsten Kindern gute Nacht sagen, einem Knaben von sechs und einem Mädchen von vier Jahren; aber sie schliefen nicht allein, sondern das Kinderfräulein war bei ihnen, und heute war der Augenblick nicht gut gewählt, sich bei ihr zu zeigen, aus den Gründen, die Frau Brita bei einem früheren Anlaß angedeutet hatte. Da war sein schwacher Punkt, den er bisher verborgen gehalten hatte und der jetzt drohend hervortrat.

Er war langsam hineingeglitten in dies Verhältnis, das nicht auffiel und geheim gehalten wurde, das man beargwöhnte, aber doch duldete, das auf die Physiognomie des Hauses keinen Einfluß hatte, das fast respektiert wurde, weil die Frau des Hauses sich nicht darum kümmerte. Nach fünfundzwanzigjähriger Ehe hatte Frau Brita vor vier Jahren bei der Geburt des letzten Kindes erklärt: mehr Kinder wolle sie nicht haben, und den Rest ihres Lebens wolle sie dem Dienst der Allgemeinheit und der Menschheit widmen. Das war nichts Neues, denn sie hatte schon bei der Ankunft des ersten Kindes erklärt, mehr wolle sie nicht haben. Und dann kamen sie doch, kamen infolge eines unglücklichen Zufalls, wie ja die meisten Menschenkinder zur Welt kommen. Doch jetzt war ihr Entschluß so unerschütterlich, daß sie ihren Mann von dem Versprechen der Treue entband, als er erklärte, als verheirateter Zölibatär nicht leben zu können. Sie wollte nur »in Frieden gelassen werden« und »nichts davon erfahren«. Es ist ja nicht so leicht für einen Mann, seine Neigung zu ändern; man hat nicht gleich eine neue bei der Hand, wenn der Zufall nicht günstig ist. Der Zufall bot sich in Gestalt des Kinderfräuleins. Als Frau Brita ihr Haus dem siebenundzwanzigjährigen Fräulein überließ, tat sie das ohne Bedauern. Das Fräulein war verständig und unterwürfig, suchte nicht die Macht, nahm aber die Arbeit auf sich. Sie und der Mann besorgten Kinder und Haushalt; und da die Frau meistens fort war, wenn sie nicht schrieb, so entstand in der Einsamkeit ein natürliches Freundschaftsverhältnis zwischen dem Mann und der Pflegerin seiner Kinder; und bald nahm ihre Verbindung den angedeuteten intimen Charakter an, ohne jedoch eine merkliche Änderung im Zusammenleben der Ehegatten herbeizuführen, das im Gegenteil achtungsvoller und weniger stürmisch als früher wurde.

Die Maschinerie des Hauses ging lautlos und würde auch weiter so gegangen sein, wenn nicht die Frau ihre Stellung bedroht gefühlt und vor allem gefürchtet hätte, von den Kindern getrennt zu werden, die vielleicht, nachdem sie selbst aufs Trockene gesetzt war, eine Stiefmutter bekommen würden.

In dem Gefühl des Bevorstehenden hatte sie in aller Eile Anhänger und Waffen gesammelt, entschlossen, den Kampf aufzunehmen und den Feind zu töten, lieber als getötet zu werden.