Nach einer schlaflosen Nacht voller Zweifel und Ungewißheit erwachte Gustav Borg und kleidete sich an. Darauf ging er ganz einfach hinunter an den Kaffeetisch, wo er Frau und Kinder traf. Alles war wie sonst, aber doch etwas verändert. Esther war kalt und verschlossen, und als der Vater mit einem Blick nach Graf Max suchte, hatte die Mutter sofort eine Erklärung bereit:
»Max läßt vielmals grüßen; er wollte dich nicht stören.«
Diese einzige Antwort machte das ganze Geheimnis des Familiengebäudes aus: Hingehen lassen, abfließen lassen, Kompromisse schließen, stillschweigen und weiter gehen. Das wirkte befreiend, so daß Gustav Borg sich wiederfand und dachte, alles sei vergessen; er gab sich der Freude hin, unter den Seinen zu sein, und fühlte sich stark, da er von seiner natürlichen Leibwache umgeben war.
Er ließ jeden Gedanken an Anfall und Verteidigung fallen, der Friede war geschlossen, und das Geschehene war nie geschehen; er ging hinaus in den Wald mit den beiden Kleinsten, deren Gesellschaft ihn verjüngte. Sie kamen auf eine Waldwiese, wo Eichhörnchen im Schnee sprangen, um sich nach dem langen Schlaf Bewegung zu machen. Beim Anblick der Spaziergänger eilten die flinken Tiere eine Eiche hinauf, um sich in einem Loch zu verstecken. Der jüngste Knabe, der Liebling, verlangte sofort, der Vater solle auf den Baum steigen und ein Eichhörnchen fangen. Alle Vorstellungen halfen nichts, und wenn der Knirps mit den Augen bat, war er unwiderstehlich. Der Vater warf den Rock ab und enterte die Eiche, aber ohne ein anderes Resultat, als daß er schwitzend und mit zerschrammten Händen wieder herunterkam.
Das erinnerte an eine Szene im vorigen Sommer, als der Vater sehr früh an den Strand gegangen war, um allein zu baden. Er hatte seine Schwimmtour gemacht, war wieder angezogen und freute sich innerlich auf den wartenden Kaffee, als das Bürschchen an den Strand kam, um dem Schwimmen zuzusehen. Die Enttäuschung des Kleinen, als er zu spät kam, war groß, und er begann zu weinen. Um schnell seine Tränen zu trocknen, zog der Vater sich wieder aus, sprang ins Wasser und schwamm hinaus, was nicht nach seinem Geschmack war; doch er fühlte sein Opfer belohnt in der unermeßlichen Freude, die seine Mühe und Selbstüberwindung hervorriefen.
Nun besuchten sie zusammen alle alten Spielplätze, Grotten und Fuchslöcher, seltsame Strandsteine, Ameisenhaufen, umgewehte Bäume; und der Vater sah das alles wieder, als sei es verloren gewesen und wiedergefunden. Sie suchten Hasenspuren auf, und er lehrte die Kinder sie von Fuchsspuren unterscheiden; sie studierten Vogeltritte und die langen Linien der Ratten; sie sahen Birkhühner in Birkenwipfeln und Dompfaffen in Fichten …
In dieser stillen, unschuldigen Freude wurde er plötzlich von einem Gefühl überfallen, wie es einen bei einem Abschiedsbesuch überkommt. Und er ging wieder nach Hause, unruhig, beklommen, ahnungsvoll.
Darauf hielt er sich in seinen Zimmern auf und horchte auf jeden Laut. Aber es war meistens still, und diese dumpfe Stille quälte ihn.
Gegen Abend war er so von Unruhe erfüllt, daß er mit jemandem sprechen mußte, wenn er nicht zerspringen wollte. Mit seiner Familie konnte er nicht sprechen, denn sie mußten ja schweigen, sonst zerbrach die spröde Kette.
Er wußte wohl, wo er Auskunft bekommen würde, aber zur Freundin wagte er nicht zu gehen. Da klopfte es an die Tür, und als er öffnete, stand das Kinderfräulein draußen, glitt schnell ins Zimmer hinein und verschloß die Tür.