Julie. Wenn ich Sie, wie Ihresgleichen bitte, wie — ein Freund? Wer war es?

Jean. Sie!

Julie setzt sich. Wie komisch!

Jean. Ja, wenn Sie es denn hören wollen! Es war lächerlich! Sehen Sie, das ist die Geschichte, die ich vorhin nicht erzählen wollte; aber jetzt werde ich sie erzählen! Wissen Sie, wie die Welt von unten aussieht? Nein, das wissen Sie nicht! Gleich Habichten und Falken, deren Rücken man selten sehen kann, da sie meist droben schweben. Ich wuchs im Insthause mit sieben Schwestern und — einem Schwein zusammen, draußen auf den nackten, grauen Feldern heran, wo nicht ein Baum wuchs. Aber vom Fenster aus konnte ich die Mauer des gräflichen Parks mit den Äpfelbäumen darüber erblicken. Das war der Garten des Paradieses; und dort standen viele Engel mit flammendem Schwert und bewachten ihn. Aber nichtsdestoweniger fand ich und andere Jungen den Weg zum Baume des Lebens — nun, verachten Sie mich?

Julie. Ach! Äpfel stehlen, das thun alle Jungen!

Jean. Das sagen Sie jetzt so, aber Sie verachten mich doch! Na, gleichviel! Einmal kam ich mit meiner Mutter in den Garten hinein, um die Zwiebelbeete von Unkraut zu säubern! Dicht bei der Gartenmauer stand ein türkischer Pavillon im Schatten von Jasminen und umrankt von Kaprifolien. Ich wußte nicht, wozu es diente, aber ich hatte noch niemals ein so schönes Gebäude gesehen. Leute gingen dort aus und ein, und eines Tages stand die Thür offen. Ich schlich dorthin und sah die Wände mit Bildern von Königen und Kaisern bedeckt, und vor den Fenstern waren rote Gardinen mit Franzen daran — nun wissen Sie, was ich meine. Ich — er nimmt einen Fliederzweig und hält ihn dem Fräulein unter die Nase — ich war niemals im Schlosse gewesen, hatte niemals etwas anderes, als die Kirche gesehen — aber dies hier war viel schöner; und wo meine Gedanken auch hineilten, immer kehrten sie dorthin zurück. Und dann allmählich erhob sich in mir die Sehnsucht, einmal die ganze Herrlichkeit kennen zu lernen — enfin, ich schlich mich hinein, sah und bewunderte. Aber dann kam jemand! Für die Herrschaft gab es zwar nur einen Ausgang, aber ich fand noch einen andern, und ich hatte weiter keine Wahl!

Julie welche den Fliederzweig genommen hatte, läßt ihn auf den Tisch fallen.

Jean. So sprang ich denn und stürzte durch eine Himbeerhecke, rutschte über ein Gartenbeet hinweg und kam auf die Rosenterrasse. Dort erblickte ich ein helles Kleid und ein paar weiße Strümpfe — das waren Sie. Ich legte mich unter einen Haufen Unkraut, — darunter, können Sie sich das denken? — unter Disteln, die mich stachen, und nasse Erde, welche stank. Und ich schaute nach Ihnen, während Sie zwischen den Rosen dahinschritten, und ich dachte: wenn es wahr ist, daß ein Mörder ins Himmelreich kommen kann und bei den Engeln bleiben, so ist es sonderbar, daß ein Kätnersjunge hier auf Gottes Erde nicht soll in einen Schloßpark kommen und mit des Grafen Tochter spielen können.

Julie elegisch. Glauben Sie, daß alle armen Kinder in diesem Fall denselben Gedanken gehabt hätten.

Jean erst zögernd, dann in überzeugtem Ton. Ob alle armen — ja — natürlich! Ganz gewiß!