Julie. Es muß ein grenzenloses Unglück sein, arm zu sein.
Jean mit tiefem Schmerz, stark auftragend. Ach, Fräulein Julie! Ach! Ein Hund kann auf dem gräflichen Sofa liegen, ein Pferd kann von einer Damenhand auf die Schnauze geklopft werden, aber ein Junge — in verändertem Ton. Ja, ja, bei einem Einzelnen ist wohl genug Stoff vorhanden, um in der Welt emporzukommen, aber wie oft ist das der Fall! Indessen wissen Sie, was ich that? Ich sprang in Kleidern in den Mühlbach hinunter; wurde aber herausgezogen und bekam Prügel. Am nächsten Sonntag aber, als Vater und Alle im Hause zu Großmutter fuhren, wußte ich es so einzurichten, daß ich zu Hause blieb. Und dann wusch ich mich mit Seife und warmem Wasser, legte meine besten Kleider an und ging zur Kirche, wo ich Sie zu sehen bekommen konnte! Ich sah Sie und ging nach Hause, entschlossen zu sterben; aber ich wollte schön und angenehm sterben, ohne Schmerzen. Und da besann ich mich, daß es gefährlich wäre, unter einem Fliederbusch zu schlafen. Wir hatten einen solchen, welcher gerade in Blüte stand. Ich pflückte alle Blüten ab, die er besaß, und bettete mich dann im Haferkasten. Haben Sie bemerkt, wie glatt der Hafer ist? weich für die Hand, wie Menschenhaut. Dann schloß ich den Deckel, druselte ein, schlief schließlich ganz fest und erwachte wirklich sehr krank. Aber ich starb doch nicht, wie Sie sehen. Was ich wollte — ich weiß es nicht! Sie zu gewinnen, war ja keine Möglichkeit vorhanden — aber Sie waren für mich ein Beweis dafür, wie hoffnungslos es für mich sei, aus dem Kreise emporzukommen, in dem ich geboren.
Julie. Sie erzählen scharmant, wissen Sie! Sind Sie in die Schule gegangen?
Jean. Ein wenig; aber ich habe viel Romane gelesen und bin viel im Theater gewesen. Außerdem habe ich feine Leute reden hören, und von ihnen habe ich am meisten gelernt.
Julie. Horchen Sie denn auf das, was wir sagen?
Jean. Ja, gewiß! Und ich habe vieles gehört, wenn ich auf dem Kutscherbock gesessen oder das Boot gerudert habe. Einmal hörte ich Fräulein Julie und eine Freundin —
Julie. So? Was hörten Sie denn?
Jean. Ja, das kann ich nun nicht so sagen; aber ich war wahrlich ein wenig erstaunt und verstand nicht, woher Sie all' die Worte gelernt haben. Vielleicht ist im Grunde genommen kein so großer Unterschied zwischen Menschen und Menschen, wie man glaubt!
Julie. Ach, schämen Sie sich! Wir leben doch nicht, wie ihr, wenn wir einen Liebsten haben.
Jean fixiert sie. Ist das so sicher? Ja, meinetwegen brauchen sich das Fräulein nicht so unschuldig anzustellen —