So schlief er ein. In der Nacht erwachte er. Er hatte geträumt, er sei ausgewesen, habe für zwei Reichstaler zu Abend gegessen und Champagner getrunken und schliesslich sei er mit einem Mädchen in ein besonderes Zimmer gegangen. So stand der ganze furchtbare Abend wieder vor ihm!

Er sprang aus dem Bett, warf Laken und Unterbett auf den Boden, legte sich auf die blosse Rosshaarmatratze und deckte sich nur mit einer dünnen Decke zu. Er fror und war hungrig, aber der Teufel musste getötet werden. Er betete noch ein Mal das Vaterunser, indem er auf eigene Hand einige Zusätze machte. Das Gehirn wird nach und nach umnebelt, die strengen Züge in seinem Gesicht lassen nach, der Mund lächelt: liebliche, heitere Gestalten, leichtes Gemurmel, ersticktes Lachen, Takte aus einem Walzer, funkelnde Gläser und offne, lebenslustige Gesichter mit freien Blicken, die seinen begegnen; da öffnet sich eine Türgardine: zwischen rotseidenen Vorhängen blickt ein Köpfchen, der Mund lächelt und die Augen leben, bloss ist der Hals bis zu den Steigungen der Brüste, die Schultern rund wie von einer weichen Hand modelliert; die Kleider fallen ab vor seinen Blicken und er hat das Weib in seinen Armen.

Als er erwachte, schlug die Uhr drei. Er war wiederum besiegt. Jetzt riss er auch noch die Matratze aus dem Bett. Auf die Steine vorm Kachelofen fiel er auf die Knie und betete mit eigenen Worten ein brennendes Gebet zu Gott um Rettung; denn jetzt fühlte er, dass er mit dem Teufel selber im Kampf lag. Er legte sich dann auf den blossen Bettboden und empfand mit einem eigenartigen Genuss, wie die Gurte in Arme und Schienbeine schnitten.

Am Morgen erwachte er in vollem Fieber.

Sechs Wochen lag er zu Bett. Als er endlich wieder aufstand, war er gesunder als er je gewesen. Die Ruhe, die ausgewählte Kost, die Medizin hatten seine Kräfte gesteigert, und daher wurde der Kampf nun doppelt so stark. Aber er kämpfte.

Im Frühling wurde er konfirmiert. Der erschütternde Auftritt, in dem die Oberklasse der Unterklasse auf Christi Leib und Blut den Eid abnimmt, dass die letzte sich nie mit dem befasse, was die erste tut, blieb lange in ihm haften. Dass des Weinhändlers Högstedts Piccardon à 65 Öre die Kanne und des Bäckers Lettströms Maisoblaten à 1 Krone das Pfund vom Geistlichen fälschlich für das Fleisch und Blut des vor 1800 Jahren hingerichteten Volksaufwieglers Jesus von Nazareth ausgegeben wurden, darüber dachte er nicht nach, denn man dachte damals nicht nach, sondern man bekam „Stimmungen“.

Ein Jahr später machte er sein Abiturientenexamen. Die Studentenmütze war ihm eine grosse Freude; ohne sich dessen bewusst zu werden, fühlte er, dass er als Oberklasse einen Freibrief erhalten habe. Etwas bildeten sich er und seine Kameraden auch auf ihr Wissen ein, und die Lehrer hatten sie darin für „reif“ erklärt. Wenn alle diese hochmütigen Jünglinge wenigstens den Unsinn gekonnt hätten, mit dem sie prahlten! Hätte man sie auf dem Studentenschmaus gehört, wie sie beteuerten, sie könnten nicht fünf Prozent von jedem Lehrbuch, in dem sie das Zeugnis erhalten; wie sie versicherten, es sei ein Wunder, dass sie die Prüfung bestanden: ein Uneingeweihter hätte es ihnen kaum geglaubt. Auf demselben Studentenkommers hörte man einige der jüngeren Lehrer jetzt, da der Zunftunterschied aufgehoben und keine Verstellung mehr nötig war, offen mit halbberauschten Gebärden darauf schwören, im ganzen Kollegium sei kein Lehrer, der im Examen nicht durchfallen würde. Ein Nüchterner musste glauben, das Studentenexamen sei eine Schnur, die man nach Belieben zwischen Oberklasse und Unterklasse spannen könne; dann kam ihm das Wunder wie ein grosser Betrug vor.

Ja, es war ein Lehrer, der bei der Bowle behauptete, man müsste ein Idiot sein, um sich einzubilden, ein Gehirn könne gleichzeitig auffassen: die dreitausend Jahreszahlen, welche die Geschichte enthält; die Namen der fünftausend Städte, die es auf der Erde gibt, die Namen von sechshundert Pflanzen und siebenhundert Tieren; die Knochen im menschlichen Körper, die Steine in der Erde, alle theologischen Lehrkämpfe, eintausend französische Vokabeln, eintausend englische, eintausend deutsche, eintausend lateinische, eintausend griechische, eine halbe Million Regeln und Ausnahmen; fünfhundert mathematische, physikalische, geometrische, chemische Formeln. Er wolle nachweisen, das Gehirn müsse, um das zu können, so gross sein wie die Kuppel der Sternwarte von Uppsala. Humboldt habe schliesslich nicht mehr das Einmaleins gekonnt, und der Professor der Astronomie in Lund habe zwei sechsstellige ganze Zahlen nicht dividieren können. Die neuen Studenten glaubten sechs Sprachen zu können, und doch könnten sie nicht mehr als fünftausend Worte höchstens von den zwanzigtausend, die ihre eigene Sprache enthalte. Und er habe ja gesehen, wie sie mogelten. Oh, er kenne alle Kniffe! Er habe gesehen, wie sie Jahreszahlen auf die Nägel geschrieben, wie sie die Bücher unter dem Tisch gehabt, und wie sich zugeflüstert! Aber, schloss er, was soll man machen? Wenn man nicht ein Auge zudrückt, bekommt man überhaupt keine Studenten mehr.

Während des Sommers blieb Theodor zu Hause im Garten. Er dachte viel an seine Zukunft; was er werden solle. In die grosse Jesuitenkongregation, die unter dem Namen der Oberklasse die Gesellschaft gestiftet, deren Geheimnisse er nicht durchschauen konnte, hatte er soviel Einblick gewonnen, dass er mit dem Leben unzufrieden war und Geistlicher werden wollte, um sich vor der Verzweiflung zu retten. Aber die Welt lockte ihn. Sie lag so hell und klar vor ihm, und sein starkes gärendes Blut rief nach Leben. Er rieb sich auf in seinem Kampf, und die Beschäftigungslosigkeit quälte ihn noch mehr.

Theodors zunehmende Düsterkeit und abnehmende Gesundheit begannen den Vater zu beunruhigen. Der sah wohl ein, wie es um ihn stand, konnte es aber nicht über sich gewinnen, mit dem Sohn in einer so delikaten Sache zu sprechen.