Nach dieser Zurechtweisung bat der Geistliche die fünf Ersten auf der ersten Bank, dazubleiben; er wolle mit ihnen allein sprechen; nach und nach werde er es mit allen so machen. Die fünf Ersten sahen aus, als seien sie zum Tode verurteilt. Ihre Brust fiel in den Rücken, weil sie nicht Atem holen konnten; und wenn man genauer nachgesehen, hätte man gefunden, dass sich ihr Haar einige Zentimeter auf den Wurzeln in die Höhe gerichtet und feucht über den Schädel einer Leiche lag. Alles Blut war aus den Augenbetten gewichen; wie zwei runde Glaskugeln, in Handschuhleder eingenäht, sahen die Augen aus, unbeweglich, nicht wissend, ob sie zu einem Bekenntnis herauskriechen oder sich mit einer kühnen Lüge verbergen sollten.
Das Gebet wurde gesprochen und das Lied von Jesu Wunden gesungen; heute abend aber wurde es von Lungenkranken angestimmt und hörte zuweilen ganz auf oder wurde von einem trocknen Husten, gleich dem von Durstigen, unterbrochen. Dann begannen sie zu gehen. Einer von den fünf versuchte hinauszuschleichen, wurde aber vom Geistlichen zurückgerufen.
Es war ein furchtbarer Augenblick. Herr Theodor, der auf der ersten Bank sass, gehörte zu den fünf. Ihm war unangenehm zu Mut. Nicht weil er eine Sünde in diesem Sinne begangen, sondern weil er es in seinem Innersten als eine Kränkung für einen Mann empfand, sich so entkleiden zu müssen. Die vier andern setzten sich weit von einander. Der Gürtler, der unter ihnen war, versuchte zu scherzen, aber der Witz blieb ihm im Halse stecken. Sie sahen vor sich Polizei, Gefängnis, Hospital, und im Hintergrund das Irrenhaus. Sie wussten nicht, was ihnen bevorstand, dass es aber eine Art Stäupung war, das fühlten sie wohl. Ein Trost, der einzige in der Betrübnis war, dass er, Herr Theodor, dabei war. Sie wussten nicht, warum es ein Trost war, aber sie fühlten es in der Luft, dass ihm, dem Sohn eines Professors, nichts Böses geschehen könne.
– Kommen Sie, Wennerström, sagte der Geistliche, der das Gas in der Sakristei angesteckt hatte.
Wennerström ging und die Tür wurde geschlossen. Die vier sassen da, jeder auf seiner Bank, und versuchten alle möglichen Stellungen, um den Körper zur Ruhe zu bringen; aber es ging nicht.
Schliesslich kam Wennerström wieder heraus, verweint, aufgeregt, und ging sofort durch den Korridor davon.
Als er auf den Kirchhof, der ganz eingeschneit war, hinauskam, nahm er schnell noch ein Mal durch, was drinnen vorgefallen war. Der Geistliche hatte gefragt, ob er gesündigt habe. Nein, das habe er nicht. Habe er Träume? Ja! Träume sind ebenso sündig, denn sie zeigen, dass unser Herz böse ist, und Gott sieht auf das Herz. Er prüft die Nieren und wird uns ein Mal für jeden sündhaften Gedanken verurteilen, und die Träume sind Gedanken. Gib mir, mein Sohn, dein Herz, sagt Jesus. Geh zu Jesus, bete, bete, bete. Was keusch, was rein, was lieblich ist, das ist Jesus! Jesus von Anfang bis zum Ende, Jesus mein Alles, mein Leben, meine Seligkeit! Kasteiet das Fleisch und seid fest im Gebet, sagt Jesus! Geh in Jesu Namen und sündige hinfort nicht mehr!
Er war empört, aber auch vernichtet. Er konnte es nicht ändern, dass er vernichtet war, und in der Schule hatte er noch nicht soviel gesunde Vernunft gelernt, um sie gegen die jesuitische Sophistik anzuwenden. Den Satz, dass die Träume Gedanken sind, musste er allerdings, mit der Psychologie, die er gelernt, dahin modifizieren, dass sie Phantasien sind; aber Gott sieht nicht auf Worte! Seine Logik sagte ihm, es liege etwas Naturwidriges in dieser frühen Brunst. Mit sechzehn Jahren konnte er sich nicht verheiraten, da er keine Frau versorgen konnte. Aber den nächsten Gedanken, warum er keine Frau versorgen könne, obwohl er mannbar war, konnte er nicht zu Ende denken; wenn er es auch wollte, so hätte er doch vor dem Gesellschaftsgesetz, das von der Oberklasse gemacht war und von Bajonetten beschützt wurde, Halt machen müssen. Also war die Natur auf irgend eine Art verletzt worden, da die Mannbarkeit früher eintrat als die Fähigkeit, Brot zu schaffen. Das war Entartung! Seine Phantasie war entartet, und er wollte sie reinigen durch Entsagungen, Gebet, Kampf.
Als er nach Hause kam, sass der Vater mit den Geschwistern bei Tisch. Theodor schämte sich vor ihnen, als sei er unrein. Der Vater fragte wie gewöhnlich, wann sie konfirmiert würden. Das wusste Theodor nicht. Er ass nichts und schätzte Unwohlsein vor; die Wahrheit aber war, dass er abends nicht zu essen wagte. Er ging auf seine Kammer und setzte sich hin, um eine Schrift von Schartau zu lesen, die er vom Geistlichen erhalten hatte. Sie handelte von der Eitelkeit der Vernunft. Hier, gerade an dem letzten Punkt, wo er aus dem Unklaren herauszukommen glaubte, da erlosch das Licht. Die Vernunft, die ihm zuweilen die schwache Hoffnung gab, sich aus den dunkeln Bergen herausfinden zu können, auch die war Sünde; mehr Sünde als alles andere, denn sie erhob sich gegen Gott, wollte begreifen, was man nicht begreifen sollte! Warum man „es“ nicht begreifen sollte, stand nicht da; aber es war wohl darum: sobald man „es“ begriffen, war der Betrug entdeckt.
Er empörte sich nicht länger, sondern ergab sich! Ehe er zu Bett ging, las er zwei Morgenstimmen aus Arndt, das ganze Sündenbekenntnis, das Vaterunser und „Der Herr segne uns“. Er war sehr hungrig, das empfand er aber mit einer gewissen Schadenfreude, als leide sein Feind etwas Böses.