Keiner verstand, was er sagte, denn sie hatten keinen Begriff davon, dass sie gesunken seien, da sie nie oben gewesen. Die Jungen zeigten daher eine gleichgültige Kälte.

Der Geistliche sprach weiter von Jesu teuern Wunden; aber niemand bezog es auf sich, denn niemand hatte einen Jesus verwundet. Da versuchte er es mit dem Teufel; der war aber so in ihre tägliche Sprache eingegangen, dass er auch keinen Eindruck machte. Schliesslich kam er auf das Rechte! Er sprach von der auf den Frühling festgesetzten Konfirmation. Er erinnerte sie an die Eltern, die ihre Kinder ins Leben hinausführen wollten; und als er auf die Brotherren zu sprechen kam, die niemand anstellten, der nicht konfirmiert sei, da wurde er unwiderstehlich, und alle verstanden die tiefe Bedeutung der Konfirmation. Jetzt war er aufrichtig, und da begriffen ihn alle die jungen Gemüter; sogar die Wildesten wurden zahm.

Die Einschreibung begann! Wie viele Kirchenscheine waren mangelhaft! Wie sollten sie zu Jesus kommen, wenn ihre Eltern nicht getraut waren? Wie sollten sie an den Gnadentisch des Sünders gelangen, wenn der Vater schon bestraft war? Was für Sünder!

Herr Theodor wurde tief erschüttert von all diesem öffentlichen Schimpf, der ausgeteilt wurde. Er wollte ein Auge zudrücken, konnte es aber nicht. Als er schliesslich selber mit seinem Kirchenschein vortrat und der Prediger las: Sohn Theodor, an dem und dem Tage geboren; Eltern: Professor und Ritter ... da fuhr ein schwacher Sonnenschein über das Gesicht des Geistlichen, und er nickte ihm freundlich zu, als er fragte: Wie geht es dem Herrn Papa? Und dann zog ein Schleier von Wehmut über seine weissgelben Züge, als er sah, dass die Mutter gestorben war (was er schon wusste): Sie war ein Kind Gottes, sagte er, wie zu sich selber, mit überfreundlicher, beklagender, weinerlicher Stimme, mit einem gewissen Vorwurf gegen den Herrn Papa, der nur Professor und Ritter war. Dann konnte Herr Theodor gehen.

Als er hinauskam, meinte er etwas erlebt zu haben, das er nicht für möglich gehalten hätte. Waren diese Jünglinge so tief gesunken, weil sie Flüche und grobe Worte benutzten, wie alle seine Kameraden, sein Vater, sein Oheim und die ganze Oberklasse sie zuweilen benutzten! Von was für einer Sittenverderbnis war hier die Rede? Sie waren wilder als andere verwöhnte Kinder, weil sie stärker waren. Dass ihre Kirchenscheine Mängel hatten, war nicht die Schuld der Kinder. Sein Vater hatte nicht gestohlen, aber man braucht auch nicht zu stehlen, wenn man sechstausend Kronen Gehalt hat und tun und lassen kann, was man will. Es wäre ja lächerlich oder abnorm gewesen, wenn er gestohlen hätte.

Und Herr Theodor ging wieder in die Schule und da fühlte er, was es heisst, eine Erziehung erhalten zu haben: hier wurde niemand wegen eines kleinen Schnitzers schikaniert, hier wurden die eigenen Schwächen wie die der Eltern ziemlich in Frieden gelassen, hier war man unter seinesgleichen und hier verstanden alle einander.

Nach der Schule „nahm man die Parade ab“; schlich in ein Café, um einen Likör zu trinken; schliesslich ging man in den Fechtsaal. Und wenn er hier vom Leutnant mit Herr angeredet wurde, alle diese Jünglinge mit geschmeidigen Gliedern, freiem Benehmen und heiteren Mienen sah, alle sicher, dass zu Hause ein gutes Mittagessen auf sie warte, fühlte er, dass es zwei Welten gibt, eine obere und eine untere. Dann packte es ihn wie ein böses Gewissen, wenn er an den dunkeln Kirchensaal und die tristen Menschenkinder dachte; deren sämtliche Wunden und heimliche Mängel wurden unbarmherzig mit dem Vergrösserungsglas gemustert, damit die Unterklasse der wahren Demut teilhaftig würde, ohne welche die Oberklasse ihre liebenswürdigen Schwächen nicht in Frieden geniessen konnte. Damit war etwas Unharmonisches in sein Leben gekommen.

Wie auch Herr Theodor zwischen seinem natürlichen Verlangen nach den halbbekannten Lockungen des Lebens und seiner neuerworbenen Lust, dem ganzen Leben den Rücken zu kehren und seinen Sinn auf den Himmel zu richten, hin und her geworfen wurde, das Gelübde, das er der Mutter gegeben, brach er nicht. Die häufigen Konfirmationsstunden in der Kirche, mit den Kameraden und unter dem Geistlichen, verfehlten nicht, auf ihn Eindruck zu machen. Er war oft düster und grübelte, hatte ein Gefühl, das Leben sei nicht so, wie es sein müsse. Es war ihm, als sei einmal ein unerhörtes Verbrechen begangen werden, das jetzt durch massenhafte Betrügereien verhüllt werde; er glaubte eine Fliege zu sein, die in das Netz der Spinne geraten war und sich bei jedem Versuch, ein Loch zu reissen, immer mehr verwickelte, um schliesslich erstickt zu werden.

Eines Abends, denn der Geistliche benutzte alle Effekte, um den harten Köpfen der jungen Burschen zu imponieren, hatten sie im Chor der Kirche Unterricht gehabt. Es war im Januar. Zwei Gasflammen erleuchteten das Chor und zeigten die Marmorfiguren des Altars in verzerrten Proportionen. Die ganze grosse Kirche mit ihren beiden einander kreuzenden Tonnengewölben lag im Halbdunkel. Im Hintergrund sah man die blanken Zinnpfeifen der Orgel, welche die Gasflammen des Chores schwach reflektierten; darüber bliesen die Engel zum jüngsten Gericht ihre Posaunen, sahen jetzt aber nur wie finstere, drohende, übernatürlich grosse Menschenfiguren aus. Die Kreuzgänge endeten in vollständiger Dunkelheit.

Der Geistliche hatte das sechste Gebot ausgelegt. Er hatte von Unzucht in und ausserhalb der Ehe gesprochen. Wie Unzucht zwischen Ehegatten getrieben wird, das konnte er nicht auseinandersetzen, trotzdem er selber verheiratet war; aber ausserhalb der Ehe, da wusste er Bescheid. Dann kam er zum Kapitel der Selbstbefleckung. Als er das Wort nannte, ging es wie ein Rauschen durch die Jünglingsschar, und mit weissen Wangen und hohlen Augen starrten sie ihn an, als sähen sie ein Gespenst. Solange er von den Strafen der Hölle sprach, waren sie ziemlich ruhig; als er aber aus einem Buch Berichte vorlas, wie Jünglinge im Alter von fünfundzwanzig Jahren an Rückenmarkschwindsucht gestorben waren, da sanken sie auf den Bänken zusammen und fühlten den Boden unter sich wanken! Schliesslich erzählte er die Geschichte von einem Jungen, der im Alter von zwölf Jahren in ein Irrenhaus kam, um mit vierzehn Jahren zu sterben, im Glauben an seinen Erlöser. Da war es ihnen, als sähen sie hundert gewaschene Leichen an Stangen aufgestellt. Nur ein Heilmittel gegen dieses Übel gebe es: Jesu teure Wunden. Doch wie die gegen zu frühe Mannbarkeit anzuwenden seien, das zeigte er nicht. Aber man solle weder tanzen noch ins Theater gehen noch Spielstuben besuchen, vor allem aber sich des Weibes enthalten: das heisst das Gegenteil tun von dem, was man in Wirklichkeit tun müsste. Dass dieses Laster dem sozialen Gesetz, der Mann sei erst mit einundzwanzig Jahren mannbar, bis zur Vernichtung widerspricht, wurde mit Schweigen übergangen. Ob dieses Laster durch frühe Ehen verhindert werden kann, indem man allen ein notdürftiges Essen verschafft, statt wenigen Schmäuse, wurde dahingestellt. Das Resultat war: man solle sich Jesu in die Arme werfen, das heisst in die Kirche gehen und die Sorge um die Welt der Oberklasse überlassen.