So fuhr er nach der Universität. Im Sommer kam er wieder nach der Pfarre, und sie war noch ebenso schön. Drei Male kam er wieder, aber beim vierten Mal war sie blass. Sie hatte kleine rote Streifen in den Nasenwinkeln und der Busen war eingesunken. Als der Sommer zum sechsten Male kam, nahm sie Eisen. Im siebenten fuhr sie nach einem Badeort. Im achten hatte sie Zahnschmerzen und war nervös. Das Haar hatte seinen Glanz verloren, die Stimme war scharf, die Nase hatte schwarze Pünktchen, der Busen war fort, der Gang war schleppend und die Wangen waren hohl. Im Winter bekam sie Nervenfieber und musste sich das Haar abschneiden lassen. Als es wieder wuchs, wurde es aschgrau. Er hatte sich in eine blonde Vierzehnjährige verliebt, eine Brünette konnte er nicht leiden, und er heiratete eine aschgraue Vierundzwanzigjährige, die als Braut den Hals nicht bloss tragen wollte.
Aber er liebte sie doch. Seine Liebe war nicht mehr so stürmisch wie früher, sondern beständig und ruhig. Und in der kleinen Bergstadt war nichts, was ihr Glück störte.
Sie gebar zwei Knaben hinter einander, aber der Mann wollte so gern ein Mädchen haben. Und dann kam ein kleines blondes Mädchen.
Das wurde der Augapfel des Vaters. Es wuchs heran und ward der Mutter ähnlich. Es wurde sieben Jahre und mit acht war es ganz so, wie die Mutter einmal gewesen. Und der Vater beschäftigte sich in seinen freien Stunden nur noch mit seiner Tochter.
Die Mutter hatte durch die häusliche Arbeit grobe Hände bekommen. Die Nase war wurmstichig und die Schläfen ausgehöhlt. Ihre Gestalt war von der Gewohnheit, sich über den Herd zu beugen, etwas geneigt. Und Vater und Mutter trafen sich nur bei den Mahlzeiten und nachts. Sie weinten nicht, aber es war doch nicht mehr so wie früher.
Aber die Tochter, das war des Vaters Freude. Man hätte beinahe sagen können, er sei in sie verliebt. Es war, als sehe er in ihr die wieder auferstandene Mutter, und als solle sein erster Anblick, der so schnell verschwunden war, wiederkommen. Er war beinahe schüchtern ihr gegenüber und ging nie in ihr Zimmer, wenn sie sich anzog. Er vergötterte sie.
Eines Morgens blieb sie im Bett liegen und wollte nicht aufstehen. Mama glaubte, sie habe Faulfieber, Papa aber schickte nach dem Arzt. Der Mordengel war auf Besuch gekommen; es war Diphtheritis. Entweder der Vater oder die Mutter musste mit den andern Kindern fliehen. Der Vater wollte nicht. Die Mutter musste mit den andern Kindern aus der Stadt ziehen, und der Vater blieb bei der Kranken. Und da lag sie jetzt! Man räucherte mit Schwefel, dass die Vergoldung der Bilderrahmen schwarz wurde, und die Silbersachen auf dem Toilettentisch auch! Der Vater war ausser sich, wenn er durch die leeren Zimmer ging; und wenn er nachts allein in dem grossen Bett lag, war es ihm, als sei er Witwer. Er kaufte dem Kinde Spielsachen und es lächelte, wenn er am Bettrande Kasper spielte, und es fragte nach Mama und den Geschwistern.
Und der Vater musste hingehen und von der Strasse aus der Mutter zum Fenster hinauf zunicken und den Kindern Kusshände zuwerfen. Und die Mutter telegraphierte mit blauen und roten Papierbogen durch die Fensterscheiben.
Aber eines Tages wollte das Mädchen den Kasper nicht mehr sehen, und es lächelte nicht mehr. Auch konnte es nicht mehr sprechen. Der Tod kam, kam mit seinen langen knochigen Armen und erstickte das Kind. Es war ein harter Kampf.
Da kam die Mutter! Und sie hatte Gewissensbisse, dass sie ihr Kind verlassen. Und es war grosser Jammer und grosse Not.