Als der Arzt das Kind obduzieren wollte, liess es der Vater nicht zu. Sie sollten ihr mit den Messern nichts zuleide tun; denn für ihn sei sie nicht tot. Aber es musste geschehen. Und da wollte er den Arzt schlagen und ihn beissen.
Als sie aber in die Erde kam, baute er ein Grabmal und ging das ganze Jahr hindurch jeden einzigen Tag dorthin. Das zweite Jahr weniger oft. Die Arbeit war schwer und die Zeit knapp. Die Jahre begannen sich fühlbar zu machen, die Schritte wurden weniger leicht, und die Trauer verwuchs. Zuweilen schämte er sich, dass er nicht mehr so viel trauere; dann aber vergass er es.
Er bekam noch zwei Töchter; das war aber nicht dasselbe; sie, die von hinnen gegangen, konnte nicht ersetzt werden.
Das Leben war hart, die Vergoldung war unmerklich von der jungen Frau abgegangen, die einmal wie – wie kein anderes Weib auf der Erde gewesen war. Die Vergoldung war abgegangen von der einmal so blanken und strahlenden Häuslichkeit. Die Kinder hatten Beulen in die Hochzeitsgeschenke der Mutter gemacht, das Bett verdorben, die Stuhlbeine angetreten. Die Polsterung kam aus den Sofas heraus, und das Klavier war seit Jahren nicht geöffnet werden. Der Gesang war verstummt vorm Kindergeschrei, und die Stimmen waren rauh geworden. Die Koseworte hatte man mit den Kinderkleidern abgelegt, die Liebkosungen waren Massage geworden. Man fing an, alt und müde zu werden. Papa lag nicht mehr vor Mama auf den Knien, sondern sass in seinem abgenutzten Lehnstuhl und liess sich von Mama die Streichhölzchen holen, wenn er seine Pfeife anstecken wollte. Man war alt geworden!
Da starb die Mama, als der Papa fünfzig Jahre alt war. Da aber tauchte es wieder auf, all das Alte. Als ihre gebrochene Gestalt, die der Todeskampf hässlich gemacht hatte, in die Erde gegraben wurde, stand die Erinnerung an die junge Vierzehnjährige wieder auf. Da betrauerte er diese, die er vor so langer Zeit verloren hatte, und mit der Sehnsucht kam die Reue. Aber er war nie schlecht gegen die alte Mama gewesen; und die Vierzehnjährige vom Pfarrhaus, die er nie bekommen, denn er kriegte ja nur die bleichsüchtige Vierundzwanzigjährige, die hatte er verehrt, vor der hatte er gekniet, der war er treu gewesen. Und wenn er aufrichtig war, so war es sie, nach der er sich jetzt sehnte; doch hatte der alten Mama gutes Essen und unermüdliche Fürsorge auch einen Anteil an der Sehnsucht, aber auf eine andere Art.
Jetzt aber wurde er intimer mit den Kindern. Einige waren aus dem Nest geflogen, andere aber noch zu Hause.
Als er ein ganzes Jahr lang seine Freunde damit ermüdet hatte, dass er ihnen das Leben seiner verstorbenen Frau erzählte, geschah etwas Merkwürdiges. Er sah ein junges Mädchen, eine blonde Achtzehnjährige, die seiner Frau, wie sie mit vierzehn Jahren gewesen, glich. Er nahm es wie einen Wink des freigebigen Himmels, der ihm also endlich sie, die erste, geben wolle. Er verliebte sich in sie, weil sie der ersten glich. Und er verheiratete sich wieder. Jetzt hatte er sie endlich bekommen.
Die Kinder aber, besonders die Mädchen, waren der jungen Stiefmutter abgeneigt; sie schämten sich, sie anzusehen; sie fanden das Verhältnis der Eltern unrein; glaubten, der Vater sei ihrer Mutter untreu geworden. Und sie gingen aus dem Hause, in die Welt hinaus!
Er war glücklich! Aber er war noch stolzer darauf, dass ein junges Mädchen ihn hatte haben wollen.
– Nur Nachmahd! sagten seine alten Freunde.