Nach einem Jahr bekam die Frau ein Kind. Papa war nicht mehr an Kindergeschrei gewöhnt und wollte nachts schlafen. Zog in sein eigenes Zimmer; seine Frau aber weinte. Er fand die Frauen etwas aufdringlich. Und dann war sie eifersüchtig auf die erste Frau. Er war nämlich, als sie verlobt waren, so dumm gewesen, ihr zu sagen, sie gleiche seiner ersten Frau. Und dann hatte er sie deren Liebesbriefe lesen lassen. Als sie jetzt oft allein war, erinnerte sie sich an alles. So wusste sie, dass sie alle Kosenamen von der ersten geerbt, dass sie nur eine Stellvertreterin sei. Das reizte sie, und sie machte alle möglichen Dummheiten, um ihn für sich persönlich zu gewinnen. Das ermüdete ihn aber. Und wenn er in der Einsamkeit Vergleiche anstellte, verlor die neue Frau sehr. Sie war nicht so milde wie die andere; sie reizte seine Nerven. Dazu kam die Sehnsucht nach den Kindern, die er aus ihrem Elternhaus vertrieben. Dazu kamen schlechte Träume, denn er glaubte seiner verstorbenen Frau untreu zu sein.

Es war nicht mehr gemütlich zu Hause. Es war dumm, was er getan, und es wäre besser nicht geschehen.

Er fing an in den Ratskeller zu gehen. Da aber wurde die Frau böse. Er habe sie betrogen. Er sei ein alter Mann, und er solle sich in Acht nehmen. Ein so alter Mann dürfe seine junge Frau nicht allein lassen; das könne gefährlich werden!

– Alt? Sei er alt? Er werde ihr zeigen, dass er nicht alt sei!

Und sie zogen wieder zusammen. Da aber wurde es sieben Male schlimmer. Er wollte ihr nachts nicht wiegen helfen, und das Kind sollte in die Kinderstube! Nein, mit dem Kind der ersten Frau habe er es nicht so gemacht.

Er musste sich quälen lassen.

Zwei Male hatte er geglaubt, den Vogel Phönix aus der Asche der Vierzehnjährigen aufsteigen zu sehen, zuerst in der Tochter, dann in der zweiten Frau; aber in seiner Erinnerung lebte nur die erste, die Kleine aus dem Pfarrhof, die er zur Zeit der Walderdbeeren sah, die er unter der Linde im Walde küsste, die er aber nie bekommen.

Doch jetzt, als seine Sonne im Untergehen war und die Tage kürzer wurden, sah er in seinen dunkeln Stunden nur noch das Bild der „alten Mama“, die freundlich gegen ihn und seine Kinder gewesen, die nie zankte, die hässlich war, die in der Küche stand, die die Hosen der Knaben und die Röcke der Mädchen flickte. Und da sein Siegesrausch vorüber war und sein Auge klar sah, fragte er sich, ob nicht die „alte Mama“ doch der rechte Vogel Phönix gewesen sei, der so schön und so ruhig aus der Asche des vierzehnjährigen Goldvogels stieg; der seine Eier legte und sich die Daunen für die Jungen aus der Brust rupfte, um sie mit seinem Blut zu nähren, bis er starb.

Er fragte lange danach, und als er endlich seinen müden Kopf auf das Kissen legte, um nicht mehr aufzustehen, da war er davon überzeugt.

„Romeo und Julia“