Eines Abends im Juli, als es am allerwärmsten war und alles im höchsten Flor stand; während der Schwangerschaft der Natur, als alles, das im Frühling befruchtet war, Frucht werden wollte, sass Herr Theodor auf seiner Kammer und wartete. Er hatte an die Wand ein „Komm zu Jesus“ angeschlagen, das „Lass uns nicht disputieren“ bedeuten sollte, dem Bruder Leutnant gegenüber, der dann und wann aus der Kaserne für einen Augenblick nach Hause kam. Gustav war ein heiteres Gemüt, das sich immer „machte“, wie der Onkel sagte; er dachte nicht daran, an den Lauf der Welt Grübeleien zu verschwenden. Für heute abend hatte er Theodor versprochen, ihn um sieben Uhr abzuholen; sie wollten dann besprechen, wie des Vaters Geburtstag zu feiern sei. Theodors geheimer Plan war, den Bruder zu überrumpeln, um ihn auf bessere Gedanken zu bringen. Aber Gustavs geheimer Plan war, Theodor zur Vernunft zu bringen.

Punkt sieben hielt eine Droschke (Herr Leutnant kam immer in einer Droschke) vorm Hause, und gleich darauf hörte Theodor auf der Treppe Sporen klirren und einen Säbel rasseln.

– Guten Tag, alter Maulwurf, grüsste der ältere Bruder.

Es war eine junge kräftige Gestalt. Man sah die prächtigsten Waden unter den blanken Schäften seiner Stiefel; und unter dem langen Schoss des Überrocks zeichneten sich die Lenden eines Percheronpferdes ab. Das goldene Kartuschenbandelier machte die Brust breiter und das Säbelkoppel hing an einem Paar Hüften, auf denen man sitzen konnte!

Er warf einen Blick auf „Komm zu Jesus“, grinste, sagte aber nichts darüber.

– Komm, Theodor, wir fahren nach Bellevue zum Gärtner und bestellen alles für den Geburtstag des Alten. Zieh dich an und komm, alter Baruch.

Theodor wollte Einwendungen machen, aber der Bruder nahm ihn unterm Arm, setzte ihm die Mütze verkehrt auf den Kopf, steckte ihm eine Zigarre in den Mund und öffnete die Tür. Theodor fühlte sich lächerlich und aus seiner Rolle gerissen, ging aber mit.

– Jetzt fährst du nach Bellevue, sagte der Leutnant zum Kutscher, aber fahr so, dass deine Vollblut wie Riemen auf den Strassensteinen liegen.

Theodor musste über die Sicherheit des Bruders lachen. Niemals wäre es ihm in den Sinn gekommen, einen Kutscher, einen ältern verheirateten Mann, du zu nennen.

Auf dem Wege plauderte und schwatzte der Leutnant von allem Möglichen, und alle Mädchen, die er traf, sah er an.