– Zieh die Kinder zum Ausgehen an, aber beeile dich, ruft er, den die herzzerreissende Szene ganz verzagt gemacht hat.
Der Vater schob den Korbwagen, in dem das Kleinste lag, während die Mutter die andern an der Hand führte.
Sie kamen nach dem Klarakirchhof, ihrem gewöhnlichen Zufluchtsort, dessen dunkelstämmige Linden üppig grünten, als sei der Boden von den dort beerdigten Leichen gedüngt.
Es läutete zum Abendgottesdienst. Armenhäuslerinnen gingen in Scharen in die Kirche, um sich auf die Stühle zu setzen, die ihre reichen Eigentümer leer gelassen; die hatten ihre Seele beim Hauptgottesdienst erquickt und schaukelten jetzt auf ihren Equipagen im königlichen Tiergarten. Die Kinder kletterten auf den flachen Gräbern herum, die mit Wappenschilden und Inschriften geschmückt waren.
Die Gatten setzten sich auf eine Bank und stellten den Kinderwagen, in dem das Kleinste lag und an der Flasche sog, neben sich. Halb vom Gras eines nahen Grabes verborgen, gaben sich zwei Hunde beim Klang der heiligen Glocken ihren Frühlingsgefühlen hin.
Ein junges elegantes Ehepaar, das ein kleines in Samt und Seide gekleidetes Mädchen an der Hand führte, kam vorbei. Der arme Reinschreiber hob die Augen zu dem jungen Stutzer und erkannte einen früheren Kameraden aus dem Handelsamt, der ihn aber nicht grüsste. Ein Gefühl bitteren Neides packte ihn so heftig, dass er sich mehr von diesem „unedlen“ Gefühl gedemütigt fühlte als von seiner beklagenswerten Lage. Grollte er dem andern, weil der jetzt eine Stelle bekleidete, nach der er selber gestrebt? Sicher nicht. Aber sein Neid konnte ja die Kehrseite seines Rechtsgefühls sein, und sein Leiden war um so tiefer, weil es von einer ganzen enterbten Klasse geteilt wurde. Er war überzeugt, dass die Armenhäuslerinnen, die das Joch der kommunalen Wohltätigkeit trugen, seine Frau beneideten; und es war ganz sicher, dass viele von diesen Herrschaften, die hier in ihren mit Wappenschilden geschmückten Gräbern ruhten, ihn um seine Kinder beneidet hätten, wenn sie selber gestorben waren, ohne einen Erben für das Majorat zu hinterlassen. Allerdings hat das Leben seine Mängel, aber warum sollen die fetten Bissen denen zufallen, die es schon gut haben? Und wie kommt es, dass der Gewinn immer bei denen bleibt, welche die grosse Lotterie eingerichtet haben? Die Enterbten müssen sich mit der Messe begnügen, nämlich der des Abendgottesdienstes; für sie ist die Moral bestimmt und die Tugenden, die von den andern verachtet werden, denn die Pforten des Himmels springen gegen klingende Bezahlung für sie auf. Aber der gute und gerechte Gott, der die Gaben so schlecht verteilt hat? Besser wäre es in der Tat, ohne einen schlechten Gott zu leben, der obendrein so aufrichtig gewesen war, einzugestehen, „der Wind wehe, wohin er (der Wind) will“; damit habe er ja bekannt, dass er sich nicht mit unseren Angelegenheiten befasse. Aber ohne Kirche kein Trost unter den jetzigen Verhältnissen! Aber warum gerade Trost? Besser, sich so einzurichten, dass man keinen Trost nötig hat. Nicht wahr?
In diesen Gedanken wurde er von seiner ältesten Tochter unterbrochen, die ein Lindenblatt als Sonnenschirm für ihre Puppe haben wollte. Der Vater war kaum auf die Bank gestiegen, um einen Zweig abzubrechen, als ein Schutzmann ihm in barschem Ton zurief, man dürfe die Bäume nicht anrühren. Neue Demütigung! Gleichzeitig ersuchte ihn der Schutzmann, die Kinder nicht auf die Grabsteine steigen zu lassen, denn das sei nach der Kirchhofsordnung verboten.
– Das Beste ist wohl, wir gehen nach Haus, rief der Vater vernichtet aus. Wie viel Mühe man sich um die Toten macht und wie wenig um die Lebenden!
Und sie gingen wieder nach Haus.
Der Mann setzte sich an seine Arbeit. Er hatte das Manuskript einer akademischen Abhandlung über die Überbevölkerung abzuschreiben.