Asra

Als die Mutter starb, war er dreizehn Jahre alt. Es war ihm, als habe er einen Freund verloren, denn während des Jahres, in dem die Mutter krank zu Bett lag, hatte er ihre persönliche Bekanntschaft gemacht, was Eltern und Kinder so selten tun. Er war nämlich früh entwickelt und hatte einen guten Kopf; er las viel mehr als die Schulbücher, denn sein Vater, der Professor der Botanik an der Akademie der Wissenschaften war, besass eine gute Bibliothek. Doch die Mutter hatte keine Erziehung genossen, sondern war in ihrer Ehe die erste Haushälterin des Mannes gewesen und die Pflegerin der vielen Kinder. Als sie jetzt mit neununddreissig Jahren bettlägerig wurde, nachdem sie ihre Kräfte durch die vielen Geburten und die vielen Nachtwachen (sie hatte seit sechzehn Jahren keine Nacht mehr durchgeschlafen) erschöpft hatte, und sich mit dem Haushalt nicht mehr befassen konnte, machte sie die Bekanntschaft ihres zweiten Sohnes; der älteste war Kadett und nur Sonntags zu Hause.

Da sie aufgehört hatte, Hausmutter zu sein und nur noch Patientin war, verschwand dieses altmodische Verhältnis der Disziplin, das sich immer zwischen Eltern und Kinder stellt. Der dreizehnjährige Sohn sass fast immer an ihrem Bett, wenn er nicht in der Schule war und nicht an Schulaufgaben arbeitete, und las ihr dann vor. Viel hatte sie zu fragen und viel hatte er zu erklären; dadurch fielen zwischen ihnen diese Gradzeichen, die Alter und Stellung errichten; sollte einer durchaus der Überlegene sein, so war es der Sohn. Aber die Mutter hatte aus ihrem vergangenen Leben viel zu lehren, und so waren sie abwechselnd Lehrer und Schüler. Sie konnten schliesslich über alles sprechen. Und der Sohn, der sich im Anfang der Mannbarkeit befand, erhielt über das Mysterium der Fortpflanzung manche Aufklärung, und zwar mit der Feinfühligkeit der Mutter und der Schamhaftigkeit des andern Geschlechts. Er war noch unschuldig, hatte aber in der Schule viel gehört und gesehen, das ihn anwiderte und empörte. Die Mutter erklärte ihm alles, was erklärt werden konnte; warnte ihn vor dem gefährlichsten Feind der Jugend und nahm ihm ein heiliges Versprechen ab, dass er sich niemals werde verleiten lassen, schlechte Frauen zu besuchen, nicht ein Mal aus Neugier, denn niemand könne sich in solchen Fällen auf sich verlassen. Und sie verwies ihn auf eine mässige Lebensweise und auf den Verkehr mit Gott im Gebet, wenn die Versuchung an ihn herantrete.

Der Vater ging ganz auf im selbstsüchtigen Genuss seiner Wissenschaft, die für seine Frau ein verschlossenes Buch war. Er hatte, gerade als die Mutter im Sterben lag, eine Entdeckung gemacht, die seinen Namen in der gelehrten Welt unsterblich machen sollte. Er hatte nämlich auf einem Abladeplatz vor den Toren Stockholms eine neue Art Gänsefuss gefunden, die geneigte Haare auf dem sonst geradhaarigen Blütenkelch hatte. Er pflog gerade Verhandlungen mit der Berliner Akademie der Wissenschaften, um die Spielart in die „Flora Germanica“ aufnehmen zu lassen; jeden Tag erwartete er den Bescheid, ob die Akademie ihn unsterblich machte, indem sie der Pflanze den Namen Chenopodium Wennerstroemianum gab. Am Sterbebette seiner Frau war er geistesabwesend, beinahe unfreundlich, denn er hatte gerade die bejahende Antwort der Akademie erhalten, und es grämte ihn, dass er sich, und noch weniger seine Frau, nicht mit der grossen Neuigkeit erfreuen konnte. Denn sie dachte nur an den Himmel und an ihre Kinder. Ihr jetzt mit einem krummhaarigen Blütenkelch zu kommen, erschien ihm selber lächerlich; aber, verteidigte er sich, es handelte sich nicht um einen krummhaarigen oder geradhaarigen Blütenkelch, sondern um eine wissenschaftliche Entdeckung; und, was mehr war, um seine Zukunft, um die Zukunft seiner Kinder, da ja die Ehre des Vater für sie Brot war.

Als seine Frau am Abend starb, weinte er sehr; seit vielen, vielen Jahren hatte er nicht geweint. Er fühlte die ganze furchtbare Gewissensqual über begangenes, wenn auch noch so kleines Unrecht, denn er war ein exemplarischer Ehemann; er empfand Reue und Scham über seine Unfreundlichkeit, seine Geistesabwesenheit des gestrigen Tages; und in einem Augenblick der Leere gingen ihm die Augen auf, wie kleinlich selbstsüchtig seine Wissenschaft sei, die, wie er sich eingebildet, für die Menschheit arbeite. Aber diese Regungen dauerten nicht lange: wenn man eine Tür öffnet, die eine Feder hat, so schlägt sie gleich wieder zu. Am nächsten Morgen, nachdem er die Todesanzeige aufgesetzt, schrieb er eine Dankadresse an die Berliner Akademie der Wissenschaften. Darauf ging er wieder an seine Arbeit.

Als er zum Mittagessen nach Haus kam, wollte er zu seiner Frau hinein gehen, um ihr seine Freude zu erzählen, denn sie war ihm stets die treueste Freundin im Leid gewesen, der einzige Mensch, der auf seine Erfolge nicht neidisch war. Jetzt fühlte er, wie sehr er diese Freundin vermisste, hatte er doch immer auf Zustimmung bei ihr rechnen können; hatte sie ihm doch nie widersprochen, denn sie wusste nicht, was sie dagegen sagen solle, da er ihr nur die praktischen Ergebnisse seiner Forschungen mitteilte. Einen Augenblick dachte er daran, mit dem Sohn Bekanntschaft zu schliessen, aber sie kannten einander zu wenig, und der Vater befand sich seinem Sohn gegenüber in der Stellung, die ein Offizier seinem Soldaten gegenüber einnimmt. Sein Rang verbot ihm eine Annäherung, und der Sohn war ihm übrigens auch etwas verdächtig, weil er einen schärferen Kopf als der Vater besass, weil er eine ganze Menge neuer Bücher gelesen hatte, die der Vater nicht kannte; ja, es konnte zuweilen der Fall eintreten, dass der Vater, der Professor, seinem Sohn, dem Gymnasiasten, gegenüber wie ein Unwissender dastand. Bei solchen Gelegenheiten musste der Vater entweder seine Verachtung über die neuen Dummheiten äussern, oder auch ein Machtwort sprechen, indem er den Schüler auf seine Schulaufgaben verwies. Da konnte es geschehen, dass der Sohn damit antwortete, dass er ein Lehrbuch vorzeigte; dann geriet der Professor ausser sich und wünschte die neuen Lehrbücher zur Hölle.

So kam es, dass sich der Vater in seine Herbarien vertiefte, und der Sohn seine eigenen Wege ging.

Sie wohnten in der Nordzollstrasse links von der Sternwarte. Ein kleines einstöckiges Backsteinhaus, umgeben von einem ausgedehnten Garten; der hatte früher ein Mal der Gärtnergesellschaft gehört und war durch Erbschaft dem Professor zugefallen. Da er aber die beschreibende Botanik studierte, ohne sich um die weit interessantere Pflanzenphysiologie und Pflanzenmorphologie zu kümmern, die in seiner Jugend noch in den Windeln lagen, war ihm die lebendige Natur beinahe fremd. Er liess daher den Garten mit seinen vielen Herrlichkeiten zuwachsen und verfallen; verpachtete ihn schliesslich an einen Gärtner unter der Bedingung, dass er und seine Kinder gewisse Freiheiten behielten. Der Sohn benutzte den Garten als Park, freute sich an dessen Natur, so wie sie war, ohne sich die Mühe zu machen, sie wissenschaftlich aufzufassen.

Sein Charakter war wie ein schlecht gearbeitetes Kompensationspendel: zu viel von dem weichen Metall der Mutter, zu wenig von dem harten des Vaters. Daher Reibungen und ungleichmässiger Gang. Bald äusserst gefühlvoll, bald hart und skeptisch. Der Mutter Tod packte ihn sehr. Er betrauerte sie so, dass er sie in seiner Erinnerung als Inbegriff alles Guten, Schönen und Grossen vergötterte.

Den Sommer, der auf den Tod folgte, brachte er mit Grübeleien und Romanlesen zu. Aber die Trauer, und nicht zuletzt die Beschäftigungslosigkeit, hatten sein ganzes Nervenleben erschüttert und seine Phantasie in Tätigkeit gesetzt. Die Tränen waren ein warmer Aprilregen gewesen, der die Obstbäume so früh weckt, dass sie sich zum Blühen verlocken lassen, um dann zu erfrieren: ehe die Befruchtung vollendet ist, kommt der Maifrost.