Er war fünfzehn Jahre alt, also an dem Zeitpunkt angelangt, an dem der Kulturmensch mannbar wird und reif ist, einem neuen Geschlecht Leben zu geben, davon aber abgehalten wird, weil ihm die Nahrung für die Jungen fehlt. Er war also im Begriff, in das mindestens zehnjährige Martyrium einzutreten, das der junge Mann im Kampf gegen die übermächtige Natur durchzumachen hat, ehe er daran denken kann, das Gesetz der Natur zu erfüllen.

Es ist um die Pfingstzeit an einem warmen Nachmittag. Die Apfelbäume prangen in ihren weissen Blüten, welche die Natur mit verschwenderischer Freigebigkeit über sie ausgestreut hat. Der Wind schüttelt die Kronen und der Blütenstaub wirbelt in der Luft umher; ein Teil kommt zu seiner Bestimmung und erweckt Leben, ein Teil fällt auf die Erde und vergeht. Was kümmert sich die unendlich reiche Natur um eine Handvoll Blütenstaub mehr oder weniger! Und wenn die Blüte befruchtet ist, lässt sie ihre zarten Blätter fallen, die bald auf dem Gange verwelken und beim nächsten Regen verfaulen, sich auflösen, Erde werden, um einmal wieder durch den Saft aufzusteigen und wieder Blüte zu werden und dieses Mal vielleicht Frucht. Jetzt aber beginnt der Kampf: die so glücklich gewesen sind, an die Sonnenseite zu kommen, die gedeihen; der Fruchtknoten schwillt, und wenn kein Frost eintritt, wird er bald fruchtbar. Die aber nach Norden geraten sind, die armen Dinger, die im Schatten der andern sitzen und nie die Sonne sehen, die welken und fallen ab; der Gärtner harkt sie zusammen und fährt sie in der Schiebkarre nach dem Schweinestall.

Jetzt steht der Apfelbaum da, die Zweige mit halbreifen Früchten beladen, kleinen runden goldgelben Äpfeln mit rosenroten Backen. Ein neuer Kampf bricht aus: bleiben alle leben, so brechen die Zweige von der Schwere und der Baum stirbt. Darum kommt der Sturm. Da muss man starke Stiele haben, um sich fest halten zu können; wehe den Schwachen, denn sie sind zum Untergang verdammt.

Dann kommt der Apfelblütenstecher! Der hat auch Leben erhalten und hat eine Pflicht gegen sein künftiges Geschlecht! Und die Larven durchfressen den Apfel bis zum Stiel, und dann fällt er auf den Weg hinunter. Aber die Larve hat Geschmack und wählt die stärksten und gesundesten, denn sonst würde es zu viele Starke im Leben geben, und dann würde der Kampf gar zu lebhaft werden.

Aber in der Abendstunde, wenn die Dunkelheit kommt, beginnen die dunkeln Begierden der Tiere zu erwachen. Die Nachtschwalbe legt sich auf das frisch gegrabene warme Gartenbeet und lockt ihren Gatten. Welchen? Das mögen die Männchen entscheiden!

Die Hauskatze schleicht satt und warm aus ihrer Ecke am Herd, nachdem sie ihre frischgeseihte Abendmilch getrunken, und tritt vorsichtig zwischen Narzissen und gelbe Lilien, bange, vom Tau feucht und zottig zu werden, ehe der Liebhaber kommt. Sie riecht an dem eben aufgesprungenen Lavendel, und dann lockt sie. Vom Zaun des Nachbarn kommt der schwarze Kater, breit im Rücken wie ein Marder, und antwortet auf den Lockruf; da aber kommt der dreifarbige Kater des Gärtners vom Kuhstall, und nun entbrennt der Kampf. Die schwarze, weiche Humuserde wird aufgewirbelt, und eben gesähte Radieschen und Spinatpflanzen werden aus ihrem stillen Schlaf und ihren Zukunftträumen gerissen. Der Stärkste siegt, und das Weibchen wartet neutral ab, bis sie die phrenetischen Umarmungen des Siegers empfängt. Der Besiegte flieht, um einen neuen Kampf zu suchen, in dem er der Stärkere bleibt.

Und die Natur lächelt, zufrieden, denn sie kennt keine andre Treulosigkeit als die gegen ihr Gebot, und sie gibt dem Stärkeren sein Recht, denn sie will starke Kinder haben, wenn sie auch das „unendliche“ Ich des kleinen Individuums dabei tötet. Und keine Prüderie, keine Bedenken, keine Furcht vor den Folgen, denn die Natur gibt allen zu essen – nur dem Menschen nicht.

Er ging in den Garten, als das Abendessen zu Ende war, während sich der Vater ans Fenster der Schlafstube setzte, um eine Pfeife zu rauchen und die Abendzeitungen zu lesen. Er ging durch die Wege und fühlte alle diese Düfte, welche die Pflanze nur verbreitet, wenn sie in Blüte steht; das feinste und stärkste Destillat ätherischer Öle, die in sich die ganze Kraft des Individuums verdichten sollen, um sich zum Vertreter der Art zu erheben. Er hörte, wie die Mücken über den Linden ihr Hochzeitslied sangen, das unserm Ohr wie eine Trauerklage lautet; er hörte die spinnenden Locktöne der Nachtschwalbe; das brünstige Schreien der Katzen, das klingt als zeuge der Tod und nicht das Leben; das Summen des Mistkäfers, das Flattern des Nachtschmetterlings, das Pipsen der Fledermäuse.

Er blieb vor einem Narzissenbeet stehen, brach eine Blüte ab und roch daran, bis ihm die Schläfen klopften. Noch nie hatte er sich diese Blüte genauer angesehen. Aber im letzten Schuljahr hatte er in Ovid gelesen, wie der schöne Jüngling in eine Narzisse verwandelt wurde. Einen weiteren Sinn hatte er in dieser Mythe nicht gefunden. Ein Jüngling, der aus unbeantworteter Liebe diese Brunst gegen sich selbst wenden muss und schliesslich von der Flamme verzehrt wird, als er sich in sein eigenes Bild verliebt, das er in der Quelle sieht! Wie er jetzt diese weissen Kelchblätter betrachtet, diese Becherblätter, wachsgelb wie die Wangen eines Kranken, mit diesen feinen roten Streifen, wie man sie bei einem Lungenkranken sieht, bei dem das Blut unter dem Druck eines wiederholten Hustens in die äussersten feinsten Gefässe der Haut getrieben wird, denkt er an einen Schulkameraden, einen jungen Edelmann, der im Sommer Seekadett war: der hatte dieses Aussehen.

Als er lange an der Blume gerochen hatte, verschwand der starke Nelkengeruch und hinterliess einen ekligen, seifenartigen Gestank, der ihm Übelkeit verursachte.