Er wanderte weiter, bis der Weg nach rechts unter eine gewölbte Allee einbog, die aus Ulmen ausgehauen war. In dem Halbdunkel sah er ganz hinten in der Perspektive die grosse grüne Strickschaukel sich auf und ab bewegen. Auf dem hinteren Brett stand ein Mädchen und setzte die Schaukel in Gang, indem sie die Knie beugte und den Körper nach vorne warf, während sie sich mit hochgehobenen Armen an den Seitenstangen hielt. Das war die Tochter des Gärtners, die Ostern konfirmiert worden war und eben lange Kleider bekommen hatte. Heute abend aber hatte ihre Mutter sie ein halblanges anziehen lassen, das sie zu Hause auftragen sollte.

Als sie den jungen Herrn erblickte, wurde sie zuerst verlegen, dass ihre Strümpfe zu sehen waren, aber sie blieb doch stehen. Herr Theodor trat vor und sah sie an.

– Stellen Sie sich nicht dorthin, Herr Theodor, sagte das Mädchen, indem es die Schaukel in vollen Schwung brachte.

– Warum denn nicht, antwortete der Jüngling, der den Zug von ihren flatternden Röcken um seine heissen Schläfen wehen fühlte.

– Pfui nein, sagte das Mädchen.

– Lass mich einsteigen, so werde ich dich schaukeln, Auguste, sagte Herr Theodor und warf sich schnell in die Schaukel.

So stand er in der Schaukel ihr gegenüber. Und wenn die Schaukel in die Höhe ging, schlug ihr Kleid um seine Beine; und wenn die Schaukel in die Tiefe ging, stand er über sie gebeugt und sah ihr gerade in die Augen, die von Bangigkeit und Behagen leuchteten. Ihre dünne baumwollene Jacke schloss sich dicht um die jungen Brüste, die sich unter dem gestreiften Kattun scharf abzeichneten; ihr Mund stand halb offen und die weissen gesunden Zähne lächelten ihm zu, als wollten sie ihn beissen oder ihn küssen.

Immer höher ging die Schaukel, bis sie gegen die höchsten Zweige des Ahorns schlug. Da stiess das Mädchen einen Schrei aus und fiel in seine Arme; er musste sich auf die Bank setzen. Als er den weichen warmen Körper zucken und sich zugleich gegen seinen drücken fühlte, ging es wie ein elektrischer Schlag durch sein ganzes Nervensystem; ihm wurde schwarz vor den Augen, und er hätte sie losgelassen, wenn er nicht ihre linke Brust an seinem rechten Oberarm gefühlt hätte.

Die Schaukel ging langsamer. Sie sprang auf und setzte sich auf die andere Bank, ihm gegenüber. Und sie sassen da und sahen auf die Erde nieder und wagten einander nicht ins Gesicht zu sehen.

Als die Schaukel anhielt, stieg das Mädchen aus und stellte sich, als antworte sie jemand, der sie gerufen. Herr Theodor blieb allein. Das Blut lief durch seine Adern. Er fühlte seine Lebenskraft verdoppelt. Aber er wusste nicht klar, was geschehen war. Er stellte sich dunkel vor, er sei ein Elektrophor, dessen positive Elektrizität sich bei einer Entladung mit der negativen vereinigt habe. Und zwar während einer geringen, äusserlich keuschen Berührung mit einem jungen Weib. Ähnliches hatte er nicht empfunden, wenn er zum Beispiel beim Ringen auf dem Turnplatz Kameraden fest umschlungen gehalten. Er hatte also die entgegengesetzte Polarität des Weiblichen gespürt, und er fühlte nun, was es heisst, Mann zu sein. Und er war Mann. Nicht ein Frühreifer, der durch Vergewaltigung der Natur vor der Zeit ausschlug, denn er war ein starker, abgehärteter, gesunder Jüngling.