Als er jetzt durch die Wege wanderte, stiegen neue Gedanken in ihm auf. Das Leben schien ihm ernster zu werden, das Gefühl der Pflicht trat an ihn heran. Aber er war erst fünfzehn Jahre alt. Er war noch nicht konfirmiert, konnte erst nach vielen Jahren in die Gesellschaft eintreten, also nicht daran denken, sich selber zu ernähren, geschweige denn Weib und Kind. Sein ernster Sinn liess ihn nämlich nicht an ein lockeres Leben denken, sondern das Weib war ihm etwas fürs Leben, sein anderer Pol, seine Ergänzung. Jetzt war er geistig und körperlich reif, um in die Welt hinauszutreten und sich Brot zu schaffen. Was hinderte ihn daran? Seine Erziehung, die ihn nichts Nützliches gelehrt; seine soziale Stellung, die ihm verbot, ein Handwerk zu betreiben. Die Kirche, die seinen Eid nicht darauf bekommen, der Priesterschaft treu zu sein; der Staat, der seinen Eid nicht darauf erhalten, Bernadotte und Nassau treu zu sein; die Schule, die ihn noch nicht soweit dressiert hatte, dass er für die Universität reif war; der geheime Ordensbund, den die Oberklasse gegen die Unterklasse geschlossen. Ein ganzer Berg von Albernheiten lag auf ihm und seiner Jugend. Jetzt da er fühlte, dass er ein Mann war, schien ihm die ganze Erziehung eine Anstalt zu sein, in der er erst kastriert werden sollte, ehe man ihn in den Harem zu lassen wagte, wo eine Mannbarkeit gefährlich sein konnte; einen anderen Sinn konnte er in all dem nicht entdecken. So versank er wieder in seinen jetzigen Zustand der Unmündigkeit. Er glaubte eine Pflanze Bleichsellerie zu sein, die man zusammenbindet und unter einen Blumentopf legt, damit sie so weiss und mürbe wie möglich wird, damit sie im Sonnenlicht keine grünen Blätter treibt, nicht in Blüten ausschlägt, noch, am wenigsten von allem, Samen ansetzt.
Während er diesen Gedanken nachhing, wanderte er auf den Gartenwegen hin und her, bis die Uhr der nächsten Kirche zehn schlug. Da wollte er ins Haus gehen, um sich schlafen zu legen. Aber die Haustür war schon geschlossen. Er musste ans Fenster der Mädchenstube klopfen. Das Hausmädchen kam im Unterrock, um zu öffnen, und er konnte über dem Hemd, das herabgeglitten war, ihre blossen Schultern sehen. Alle Schwärmerei verschwand in einem Nu, er wollte sie festhalten, ihre Brüste drücken, sich paaren mit einem Wort, denn jetzt war das Weib nur Weibchen für ihn. Aber das Mädchen war schon wieder hineingehuscht und schlug die Tür hinter sich zu. Da schämte er sich und ging in seine Kammer hinauf.
Als er glücklich oben war, öffnete er die Fenster, tauchte den Kopf ins Waschbecken und steckte seine Lampe an.
Als er im Bett lag, griff er zu Arndts „Geistlichen Morgenstimmen“, die er von seiner Mutter geerbt hatte und von denen er abends immer ein Stück las, mehr der Sicherheit wegen, denn morgens war die Zeit knapp. Das Buch erinnerte ihn an das Versprechen der Keuschheit, das er der Mutter gegeben, und er hatte ein böses Gewissen. Eine Fliege, die ans Lampenglas kam und mit verbrannten Flügeln um den Nachttisch summte, brachte seine Gedanken auf etwas anderes, Unbestimmtes; er legte Arndt fort und steckte sich eine Zigarre an. Er hörte, wie sich unter ihm im Erdgeschoss der Vater die Stiefel auszog; wie er am Kranz des Kachelofens die Pfeife ausklopfte; ein Glas Wasser aus der Karaffe eingoss und sich bereit machte, ins Bett zu gehen. Er dachte, wie einsam dieser Mann jetzt sein müsse, da seine Frau fort sei. Früher hatte er durch die Zwischendecke hören können, wie sie mit halber Stimme vertraulich plauderten, von Dingen, über die sie immer einig waren; jetzt aber war keine Stimme mehr zu hören, nur die toten Laute, wie ein Mensch seine Person bedient und besorgt; Laute, die wie die Figuren in einem Rebus zusammengestellt werden müssen, um etwas Lebendiges aus ihnen zu machen.
Schliesslich legte er die Zigarre fort, löschte die Lampe und betete leise das Vaterunser, kam aber nicht weiter als bis zur fünften Bitte: da schlief er ein.
Mitten in der Nacht erwachte er aus einem Traum. Er hatte das Mädchen des Gärtners in seinen Armen gehabt. Wo und wann, daran erinnerte er sich nicht, denn er war ganz betäubt, und er schlief sofort wieder ein.
Am nächsten Morgen war er schwermütig und hatte Kopfschmerzen. Dachte wieder an die Zukunft, die schwer auf ihm lag und sein ganzes Dasein bedrückte. Mit Bangen sah er, wie der Sommer verging, denn das Ende der Ferien brachte ihn wieder in den Erniedrigungszustand, den die Schule ihm bot: jeder seiner Gedanken sollte da von fremden Gedanken getötet werden; die Selbständigkeit half nichts, da nur eine bestimmte Anzahl Jahre ihn ans Ziel führen konnten. Es war wie eine Reise auf einem Güterzug; die Lokomotive musste so und so lange auf der Station stehen, und wenn der Dampfdruck aus Mangel an Kraftverbrauch zu stark wurde, musste man das Sicherheitsventil öffnen. Das Betriebsamt hatte den Fahrplan aufgestellt, und man durfte nicht zu früh nach den Stationen kommen. Das war die Hauptsache!
Der Vater sah, dass der Sohn blass und mager wurde, glaubte aber, er trauere um die Mutter.
Der Herbst kam. Zuerst mit der Schule. Theodor hatte während des Sommers, als er durch die Romane mit erwachsenen Menschen verkehrte und ihr Leben und ihre Kämpfe kennen lernte, sich daran gewöhnt, sich als Erwachsenen zu betrachten. Jetzt kamen die Lehrer und duzten ihn. Kameraden, Jungen, welche die körperliche Freiheit noch nicht achteten, erlaubten sich Handgreiflichkeiten, die ihn zu ähnlichen nötigten. Und diese Bildungsanstalt, die ihn für die Gesellschaft veredeln sollte, was lehrte sie und wie veredelte sie? Die Lehrbücher waren ja samt und sonders unter der Kontrolle der Oberklasse geschrieben und liefen alle darauf hinaus, die Unterklasse dazu zu bringen, die Oberklasse zu verehren. Die Lehrer sprachen oft mit Erregung zu den Schülern, wie undankbar sie seien; sie wüssten nicht, welche Vorteile ihre Eltern ihnen gewährten, indem sie ihnen diese Bildung schenkten, die so viele Arme entbehren müssten. Nein, wahrhaftig, die Jungen waren noch nicht verdorben genug, um diese grenzenlose Betrügerei und deren Vorteile zu durchschauen.
Gab der Unterricht den Schülern irgend ein Mal eine reine Freude durch den Lehrstoff selber? Nein! Darum mussten die Lehrer unaufhörlich an die niedrigen Leidenschaften der Schüler appellieren: an die Ambition (das war ein besserer Name für den kleinlichen Ehrgeiz, höher geschätzt zu werden als die andern), an das Interesse, an die Vorteile.