Welch elende Maskerade diese Schule! Nicht ein einziger von den Jünglingen glaubte an den Segen, der darin lag, verhasste Könige aufzuzählen, unbrauchbare Sprachen zu lernen, Axiome zu beweisen, Selbstverständlichkeit zu definieren, die Staubbeutel der Pflanzen und die Gelenke an den Hinterbeinen der Insekten zu zählen, um schliesslich nicht mehr zu wissen, als dass sie so und so auf lateinisch heissen. Wieviel lange Stunden wurden nicht darauf verwandt, um vergeblich einen Winkel in drei gleiche Teile zu teilen, während es „unwissenschaftlich“ (das heisst praktisch) in einer Minute mit einem Gradmesser gemacht wird.
Wie verachtet wurde alles, was nützlich war! Die Schwestern, die Ollendorffs französische Grammatik lernten, konnten nach zwei Jahren französisch sprechen; die Gymnasiasten konnten nach sechs Jahren noch nicht ein Wort sagen. Und mit welchem Mitleid sprachen sie den Namen Ollendorff aus! Das war der Inbegriff alles Dummen, das man verbrochen hatte, seit die Welt erschaffen worden.
Wenn aber die Schwestern eine Erklärung verlangten und fragten, ob die Sprache nicht dazu da sei, die Gedanken des Menschen auszudrücken, so antwortete der junge Sophist mit einer Phrase, die er von einem Lehrer borgte, der sie wieder als Talleyrands Worte zitiert gesehen: Nein, die Sprache ist dazu da, die Gedanken des Menschen zu verbergen. Das konnte ein junges Mädchen natürlich nicht begreifen, denn die Männer verstehen ihre Infamien zu verbergen, sondern glaubte, der Bruder sei furchtbar gelehrt, und disputierte nicht weiter.
Und dann die verfälschende Ästhetik, die ihren Schleier aus geborgtem Glanz und falscher Schönheit über alles warf. Man lernte von der „Ritterwache des Lichtes“ singen! Welche Ritterwache? Mit Adelsbriefen, Studentenzeugnissen; falschen Attesten, wie sie selber einsehen konnten. Des Lichtes? Das heisst der Oberklasse, die ihr grösstes Interesse daran hatte, die Unterklasse durch Schule und Religion in der Dunkelheit zu halten. „Und vorwärts, vorwärts auf der Bahn des Lichts!“
Immer wurde das Ding bei verkehrtem Namen genannt! Kam dann einer aus der Unterklasse mit Licht, so war alles vorbereitet, um es zu Dunkelheit machen zu können. Du junge, „gesunde“ Kämpferschar! Wie gesund sie waren, alle diese Jünglinge, die von Beschäftigungslosigkeit, unbefriedigten Trieben, Ehrgeiz entnervt waren, die jeden verachteten, der nicht die Mittel hatte, Student zu werden! O die Poeten der Oberklasse, wie haben sie so schön gelogen! Waren sie Betrüger oder Betrogene?
Wovon sprachen alle diese Jünglinge gewöhnlich? Von ihren Studien? Niemals! Höchstens von einem Zeugnis! Sie sprachen von Liederlichkeit. Vom Morgen bis zum Abend! Von Verabredungen mit Mädchen; von Billardspiel und Punsch; von Geschlechtskrankheiten, über die sie ältere Brüder hatten sprechen hören. Sie gingen mittags los und „nahmen die Parade ab“, und wer am weitesten gekommen war, konnte den Namen des Leutnants nennen und erzählen, wo dessen Mädchen wohnte.
Einmal waren zwei von der „Ritterwache des Lichtes“ ganz naiv mit zwei prostituierten Mädchen an einem Sommertag in das vornehme Restaurant „Haselhöhe“ im Tiergarten gegangen, um dort in der offenen Veranda zu Mittag zu essen. Wegen dieser Naivität wurden sie von der Anstalt gejagt. Wegen ihrer Naivität, nicht wegen ihrer Lasterhaftigkeit, denn ein Jahr später bestanden sie ihr Examen für die Universität, gewannen also ein ganzes Jahr; und als sie ihre Studien in Uppsala beendet hatten, wurden sie in eine Hauptstadt von Europa geschickt, um dort in der Gesandtschaft die vereinigten Königreiche Schweden und Norwegen zu vertreten.
In einer solchen Umgebung verbrachte Herr Theodor seine beste Jugend. Er hatte den Betrug durchschaut, konnte aber nicht mit ihm brechen! Wie soll ich das machen? fragte er sich oft, erhielt aber keine Antwort. Er wurde natürlich mitschuldig und lernte schweigen.
Die Konfirmation wurde für ihn ein Spektakel, wie die Schule es gewesen. Ein junger Hilfsprediger, der Pietist war, sollte ihn in vier Monaten Luthers Kathechismus lehren, ihn, der Theologie, Exegetik, Dogmatik gehabt und das Neue Testament auf Griechisch gelesen hatte! Aber der strenge Pietismus, der Wahrheit in Handel und Wandel forderte, musste auf ihn Eindruck machen.
Es war ein Novembermorgen, als sie in den Kirchensaal gerufen wurden, um eingeschrieben zu werden. Herr Theodor befand sich ganz unerwartet in einem ganz andern Kreis, als er täglich in der Schule um sich hatte. Wie er in das Versammlungszimmer eintrat, begegnete er den Blicken von wohl hundert Augen, die ihn alle wie einen Feind ansahen. Da waren Tabaksbinder, Schornsteinfegerjungen, Lehrlinge von allen Handwerken. Sie schienen auch Feinde unter einander zu sein, denn sie warfen sich gegenseitig Schimpfnamen zu; aber diese Feindschaft zwischen den Handwerken war mehr gelegentlich; und wie sie sich auch zankten, sie hingen doch zusammen. Eine seltsame erstickende Luft schlug ihm entgegen, und in dem Hass, mit dem er sich begrüsst fühlte, lag auch eine Verachtung, die Kehrseite eines gewissen Respektes oder Neides. Er sah sich vergebens nach einem Kameraden um, einem Gleichgesinnten, einem Gleichgekleideten. Es war keiner da. Die Gemeinde war arm, und die Reichen sandten ihre Kinder in die Deutsche Kirche, die damals in Mode war. Es waren Kinder des Volkes; es war die Unterklasse, mit der er jetzt vor den Altar des Herrn als Gleich und Gleich treten sollte. Er fragte sich, welcher Abgrund ihn eigentlich von diesen Kindern trenne? Waren sie körperlich nicht ebenso begabt wie er? Ja, besser vielleicht, denn alle verdienten bereits ihr Brot, und einige konnten sogar ihren alten Eltern helfen. Waren sie schlechter ausgerüstet in der Intelligenz? Das konnte er nicht behaupten, denn er hörte, wie sie bei ihren Stichelreden mit den schärfsten Beobachtungen um sich warfen; sie konnten radikale Witze aussprechen, die er gern mit einem Lachen belohnt hätte, wäre er dazu nicht zu hochmütig gewesen. Wenn er an all die Dummköpfe dachte, die er zu Kameraden in der Schule hatte, konnte er keinen bestimmten Strich zwischen sich und ihnen ziehen. Der war aber vorhanden! Waren es die schäbigen Kleider, die hässlichen Gesichter, die groben Hände? Ja, zum Teil war es wohl das! Besonders fühlte er sich von ihrer Hässlichkeit abgestossen! Aber waren sie deshalb schlechter, weil sie hässlich waren?