– So ist es also, verheiratet sein! Man wird aus seiner Umgebung gerissen und in drei leere Zimmer gesetzt, bis der Mann halbberauscht nach Haus kommt. Aber er liebt mich doch, und er muss ja heute abend in Geschäften von Hause fort sein. Ich bin eine Närrin, dass ich das nicht verstehe. Aber liebt er mich noch? Hat er sich dieser Tage nicht geweigert, mir das Garn zu halten, wie er früher so gern getan – ehe wir verheiratet waren. Sah er gestern mittag nicht etwas missvergnügt aus, als ich kam und ihn holte! Und wenn er heute abend auch eine geschäftliche Sitzung hat, so braucht er doch den Schmaus nicht mitzumachen!
Die Uhr war halb elf, als sie mit diesem Examen zu Ende kam. Sie war erstaunt, dass ihr diese Gedanken nicht früher gekommen waren. Und sie stellte die dunkeln Gedanken noch ein Mal auf, und sie defilierten wieder an ihr vorbei. Jetzt aber war Verstärkung angelangt. Er sprach ja nie mehr mit ihr. Er sang nie, und das Klavier war geschlossen. Er hatte gelogen, als er sagte, er müsse Mittagsschlaf halten, denn er las dabei einen französischen Roman.
Er hatte sie belogen!
Die Uhr war erst halb zwölf. Das Schweigen wurde schauerlich. Sie öffnete das Fenster und sah auf die Strasse hinaus. Dort unten standen zwei Herren und verhandelten mit zwei Frauenzimmern. Ja, so sind die Männer! Wenn er das auch täte! Dann ginge sie ins Wasser!
Sie schloss das Fenster und steckte die Krone in der Schlafstube an. Man muss sehen, was man macht, hatte er bei einer intimen Gelegenheit gesagt. Noch war alles so blank, so fein. Die grüne Bettdecke sah wie eine gemähte Wiese aus, und die kleinen weissen Kissen lagen wie junge Katzen im Grase. Die Politur ihres Toilettentisches leuchtete: das Glas hatte noch nicht diese hässlichen Flecken, die es vom spritzenden Wasser bekommt; das Silber auf der Haarbürste, auf der Puderschachtel, der Zahnbürste, alles war noch blank. Ihre Pantoffeln dort unter dem Bett waren noch so schön und neu, als würden sie niemals niedergetreten werden. Alles war frisch, aber doch schon alt. Sie kannte alle seine Lieder, alle seine Salonstücke, alle seine Worte, alle seine Gedanken. Sie wusste genau, was er sagen würde, wenn er sich mittags zu Tisch setzte; alles was er sagen würde, wenn sie abends allein waren.
Sie war des Allen müde. Hatte sie ihn geliebt? Oh ja! Gewiss, das hatte sie! Aber war das alles, waren das alle Träume ihrer Jugend? Sollte das ganze Leben so werden? Ja! Aber, aber, aber, sie würden doch wohl ein Kind bekommen. Ja, aber noch waren keine Anzeichen da! Dann wäre sie nicht mehr allein! Dann könnte er so oft fortgehen, wie er wollte, denn dann hätte sie ja stets jemand, mit dem sie sprechen, mit dem sie sich beschäftigen konnte. Vielleicht war es ein Kind, das fehlte. Vielleicht war die Ehe wirklich für etwas anderes geschaffen, als dafür, dass sich ein Herr eine Geliebte hält, die das Gesetz ihm schützt. Jawohl! Aber er musste sie doch lieben, und das tat er nicht! Und sie weinte!
Als der Mann um ein Uhr nach Haus kam, war er durchaus nicht berauscht. Aber er wurde beinahe böse, als er seine Frau noch aufsitzen sah.
– Warum hast du dich nicht schlafen gelegt? war sein erster Gruss.
– Wie kann ich Ruhe finden, wenn ich auf dich warte?
– Das kann ja schön werden! Dann darf ich ja nie wieder fortgehen! ich glaube, du hast auch geweint!