Das Kind kam zur Welt. Es war ein Sohn! Der Vater war etwas unruhig gewesen, bis die Schwangerschaft festgestellt wurde, denn er selber war ein armer Teufel, aber seine Frau war sehr reich, und er konnte nur in Genuss ihres Reichtums kommen, wenn die Ehe mit einem gesetzlichen Erben gesegnet wurde, nach dem Erbgesetz Kap. 00, § 00. Die Freude war daher gross und ungeheuchelt. Der Sohn war ein kleines durchsichtiges Vollblutwesen mit blauen Adern auf der Hautfläche. Aber das Blut war trotzdem dünn. Die Mutter hatte die Figur eines Engels, war mit ausgewählter Nahrung aufgezogen, durch Pelzwerk gegen die ungünstigen Einflüsse des Klimas geschützt worden, und von dieser vornehmen Blässe, die das Weib von Rasse andeutet.
Sie gab ihrem Kinde selber die Brust. Man brauchte also nicht Bäuerinnen zu melken, um die Ehre des Lebens zu geniessen. Das waren alles Fabeln. Das Kind sog und schrie vierzehn Tage. Da alle Kinder schreien, hatte das nichts zu bedeuten. Aber das Kind magerte ab. Es magerte ganz schrecklich ab. Der Arzt wurde gerufen. In geheimer Konsultation mit dem Mann erklärte er offen, das Kind werde sterben, wenn die Mutter es weiter säuge, denn teils sei sie zu nervös, teils habe sie nichts zu geben. Ja, er machte eine quantitative Analyse der Milch und zeigte mit Gleichungen, das Kind werde verhungern, wenn man auf diese Weise fortfahre.
Was sei zu tun, denn sterben dürfe das Kind nicht? Amme oder Flasche. Die Amme kam nicht in Frage, unter keiner Bedingung. Wir wollen es mit der Flasche versuchen! Der Arzt verordnete jedoch eine Amme.
Die beste holländische Kuh, welche die goldene Medaille des Kreises erhalten hatte, wurde isoliert und mit Heu gefüttert; mit trocknem Heu von der Hochwiese. Der Arzt analysierte die Milch, und alles war gut. Es war so einfach mit der Flasche! Dass man nicht schon längst daran gedacht hatte! Und man brauchte keine Amme, diese Haustyrannin, der man schmeicheln, dieses Faultier, das man mästen musste; und obendrein konnte sie noch eine ansteckende Krankheit haben!
Aber das Kind magerte trotzdem ab und schrie immer noch. Schrie Nacht und Tag! Es hatte ganz deutlich Magenschmerzen. Eine neue Kuh und eine neue Analyse. Die Milch wurde mit Karlsbader Wasser (echtem Sprudel) verdünnt, aber das Kind schrie doch noch.
– Hier ist weiter nichts zu machen, als eine Amme zu nehmen, erklärte der Arzt.
– Nein, das wolle man nicht. Man wolle andern Kindern nicht die Milch fortnehmen, das sei unnatürlich, und man sei nicht sicher vor der „Erblichkeit“.
Als der Baron von Natur und Unnatur sprechen wollte, konnte der Arzt den Baron darüber aufklären, wenn man die Natur wirken lasse, so würden alle adeligen Familien aussterben und ihr Grundbesitz an die Krone fallen. So weise habe die Natur es eingerichtet, und die Kultur des Menschen sei nur ein törichter Kampf gegen die Natur, in dem der Mensch schliesslich untergehen müsse. Die Rasse des Herrn Baron sei zum Untergang verurteilt; das zeige sich darin, dass seine Frau nicht genügend Nahrung für die Frucht ihres Leibes habe; um leben zu können, müsse man also die Milch von andern Weibchen rauben oder kaufen. Die Rasse lebe also bis in die geringste Einzelheit von Raub.
– Sei das auch Raub, wenn man die Milch kaufe? Sie kaufe!
– Ja, denn das Geld, mit dem man die Muttermilch des Volkes kaufe, sei ja das Produkt einer Arbeit. Und wessen Arbeit? Des Volkes! Denn der Adel arbeite ja nicht.