Obwohl ich sie nicht formulieren kann, hat sich eine Art Religion in mir gebildet. Eher ein Zustand der Seele als eine auf Lehren gegründete Ansicht; ein Wirrwarr von Empfindungen, die sich mehr oder weniger zu Gedanken verdichten.
Ich habe mir ein römisches Gebetbuch gekauft und lese es mit Sammlung; das Alte Testament tröstet und züchtigt mich in einer etwas dunklen Weise, während das Neue mich kalt lässt. Das hindert mich nicht, dass ein buddhistisches Buch auf mich einen stärkeren Einfluss als alle andern heiligen Bücher übt, weil es das positive Leiden über die Enthaltsamkeit stellt. Buddha zeigt den Mut, im vollen Besitz seiner Lebenskraft und im Genuss seines ehelichen Glücks auf Weib und Kind zu verzichten, während Christus jede Gemeinschaft mit den erlaubten Freunde dieser Welt vermeidet.
Übrigens grüble ich nicht über die Empfindungen, die in mir auftauchen; ich halte mich indifferent, lasse sie gewähren, indem ich mir dieselbe Freiheit bewillige, die ich andern schulde.
Das grosse Ereignis der Pariser Saison war Brunetières Feldgeschrei über den Bankerott der Wissenschaft. Seit meiner Kindheit in die Naturwissenschaften eingeweiht, später Anhänger Darwins, hatte ich entdeckt, wie ungenügend diese wissenschaftliche Methode ist, die den Mechanismus des Weltalls bekennt, ohne einen Mechanismus anzunehmen. Die Schwäche des Systems zeigte sich in einer allgemeinen Entartung der Wissenschaft: die hatte eine Grenze abgesteckt, über die man nicht hinausgehen sollte. Wir haben alle Probleme gelöst: die Welt hat keine Rätsel mehr. Diese dünkelhafte Lüge hatte mich schon um 1880 gereizt, und während der folgenden fünfzehn Jahre hatte ich eine Revision der Naturwissenschaften vorgenommen. So hatte ich 1884 die Zusammensetzung der Atmosphäre in Zweifel gezogen: der Stickstoff der Luft ist nicht identisch mit dem Stickstoff, der durch Zerlegung eines stickstoffhaltigen Salzes gewonnen wird. 1891 besuchte ich das physikalische Institut in Lund, um die Spektren dieser beiden Stickstoffarten, deren Verschiedenheit ich entdeckt hatte, zu vergleichen. Brauche ich den Empfang zu schildern, den mir die gelehrten Mechanisten bereiteten?
Nun, in diesem Jahr 1895 hat die Entdeckung des Argon frühere Vermutungen bestätigt und meinen durch eine unbesonnene Heirat unterbrochenen Untersuchungen einen neuen Aufschwung gegeben.
Nicht die Wissenschaft hat Bankerott gemacht, sondern nur die veraltete, entartete Wissenschaft, und Brunetière hatte recht, obwohl er unrecht hatte.
Während alle die Einheit der Materie anerkannten und sich Monisten nannten, ohne es zu sein, ging ich weiter und zog die letzten Konsequenzen der Lehre, indem ich die Grenzen aufhob, die Materie und sogenannten Geist zu trennen. So hatte ich 1894 im "Antibarbarus" die Psychologie des Schwefels behandelt, indem ich sie durch die Ontologie, das heisst die embryonale Entwicklung des Schwefels, erklärte.
Wer sich dafür interessiert, sei auf meine im Sommer und Herbst 1895 niedergeschriebene Arbeit "Sylva Sylvarum" verwiesen, in der ich im stolzen Gefühl hellseherischer Kraft die Geheimnisse der Schöpfung besonders im Pflanzen- und Tierreich durchschaut zu haben glaubte; ferner auf meine "Kirchhofstudien", die zeigen, wie ich in Einsamkeit und Leiden zu einem schwankenden Begriff von Gott und Unsterblichkeit zurückgeführt wurde.