Das nächste Buch, das mir zufällig in die Hand fällt, lässt mich die Absichten meines Lenkers hervorschimmern sehen. Es ist die "Versuchung des heiligen Antonius" von Flaubert. "Alle diejenigen, die von Sehnsucht nach Gott gemartert werden, habe ich verschlungen", sagt die Sphinx.

Dieses Buch macht mich krank, und ich werde bange, wenn ich darin die Gedanken erkenne, die ich in meinem Mysterienspiel ausgedrückt habe: das Einsetzen des bösen in die Rechte des guten Gottes. Und ich werfe es nach dem Durchlesen von mir als eine Versuchung des Teufels, der es verfasst hat. "Antonius macht das Zeichen des Kreuzes und versinkt wieder in Gebet." So schliesst der Verfasser sein Buch, und ich folge seinem Beispiel.

Danach und zu rechter Stunde bekomme ich "En Route" von Huysmans. Warum ist dieses Bekenntnis eines Okkultisten mir nicht früher in die Hände gefallen? Weil es notwendig war, dass zwei analoge Geschicke sich parallel entwickelten, damit das eine mittelst des andern gestärkt werden könnte.

Ein Neugieriger, der die Sphinx herausfordert und von dieser verschlungen wird, damit seine Seele am Fusse des Kreuzes erlöst werde.

So, nun mag meinetwegen ein Katholik zu den Trappisten gehen und vor dem Priester beichten, für mein Teil aber dürfte es genügen, dass ich mea culpa schriftlich coram populo bekannt habe. Übrigens können die acht Wochen, die ich in Paris zugebracht habe, während ich dieses Buch schrieb, gegen den Eintritt in das Kloster und mehr noch aufgehen, weil ich vollständig wie ein Eremit gelebt habe.

Eine kleine Kammer, nicht grösser als eine Klosterzelle, mit Gitterfenstern oben unter der Decke, hat mir zu Wohnung gedient. Durch das Gitter in der Fensteröffnung, die nach einem tiefen Hof zu geht, kann ich ein Stück vom Himmel sehen und eine graue Wand mit Efeu, der hinaufklettert dem Lichte zu.

Die Einsamkeit, die an und für sich schrecklich ist, wird noch düsterer im Restaurant unter einer lärmenden Schar Leute, zwei Male am Tage. Dazu die Kälte, ein beständiger Zug quer durchs Zimmer, von dem ich eine fressende Neuralgie bekommen habe; Sorgen, binnen kurzem ohne Hilfsmittel dazustehen, die Rechnung, die beständig wächst. Möchte glauben, dass das verschlägt!

Und dann die Gewissensbisse! Früher, als ich mich selbst für verantwortlich ansah, war es nur die Erinnerung an begangene Dummheiten, die mich peinigte. Jetzt ist es das Böse selbst, meine schlechten Handlungen, die meine Geissel ausmachen. Und zum Überfluss erscheint mir mein vergangenes Leben als ein einziges Gewebe von Verbrechen, wie ein Gewirr von Gottlosigkeiten, Bosheiten, Missgriffen, Grobheiten in Wort und Handlung. Ganze Szenen aus meiner Vergangenheit rollen sich vor meiner Anschauung auf. Ich sehe mich in der einen und der andern Situation, und immer ist es eine abgeschmackte. Ich wundere mich, dass jemand mich hat lieben können. Ich klage mich alles Möglichen an; keine Niedrigkeit, keine widrige Handlung, die nicht mit schwarzer Kreide auf dem weissen Schleier steht. Ich werde von Entsetzen vor mir selbst erfüllt und möchte sterben.

Es gibt Augenblicke, da die Schamröte das Blut in meine Wangen jagt, bis in meine Ohrläppchen. Selbstsucht, Undankbarkeit, Groll, Neid, Hochmut, all die Todsünden führen ihren Gespenstertanz vor meinem erwachten Gewissen aus.

Und während mein Gemüt sich martert, verschlechtert sich mein Gesundheitszustand, vermindern sich die Kräfte, und mit dem Hinschwinden des Körpers beginnt die Seele ein Vorgefühl von ihrer Befreiung aus dem Schmutz zu bekommen.