Ich lese gegenwärtig Töpffers "Presbytere" und Dickens' Weihnachtserzählungen, und die schenken mir eine unsägliche innere Ruhe und Freude. Ich kehre zu den Idealen meiner besten Jugendzeit zurück und nehme von neuem die Kapitale, die ich im Spiel des Lebens verloren habe, in Besitz. Der Glaube kommt zurück, das Vertrauen zu der natürlichen Güte der Menschen, der Glaube an die Unschuld, die Uneigennützigkeit, die Tugend!
Die Tugend! dieses Wort ist verschwunden aus den modernen Sprachen, es ist verworfen worden als durch und durch lügenhaft!
(In diesem Augenblick ersehe ich aus den Zeitungen, dass mein Schauspiel "Frau Margit" in Kopenhagen aufgeführt worden ist. In diesem Stück siegen Liebe und Tugend, ganz wie im "Geheimnis der Gilde". Das Schauspiel hat nicht gefallen, ebenso wenig jetzt wie bei der ersten Aufführung im Jahre 1882. Warum nicht? Weil man findet, es sei veraltetes Geschwätz, diese Geschichte von der Tugend!)
Ich habe soeben wieder Maupassants "Horla" gelesen. Das ist ja das Finale aus dem "Don Juan", nicht wahr? Jemand kommt, unsichtbar, mitten in der Nacht ins Schlafzimmer hinein. Er trinkt Wasser und Milch und schliesst damit, Blut aus dem armen Don Juan zu saugen, der, zu Tode gejagt, gezwungen wird, Hand an sich selbst zu legen.
Dies ist etwas wirklich Erlebtes: ich kenne mich darin wieder, und ich leugne nicht, dass eine Geistesstörung vorhanden ist, aber ich sehe jemand dahinter.
Meine Gesundheit verschlechtert sich immer mehr, da Risse in den Wänden sind, so dass Rauch und Kohlendunst in mein Zimmer eindringen. Als ich heute auf der Strasse ging, bewegte sich das Pflaster unter den Füssen gleich einem Schiffsdeck in langen Schwankungen. Nur mit merkbarer Schwierigkeit kann ich die Höhe zum Luxemburggarten hinaufgehen. Der Appetit wird immer geringer, und ich esse nur, um die Schmerzen im Magen zu stillen.
Eine Erscheinung, die sich oft wiederholt nach meiner Ankunft in Paris, hat mir verschiedenes zu denken gegeben. Im Innern meines Rockes, auf der linken Seite, gerade da wo das Herz sitzt, hört man nämlich ein regelmässiges Klopfen; es erinnert an den Tick-tack-Laut, der in Wänden von dem Käfer hervorgebracht wird, der in Schweden "Zimmermann" genannt wird, aber auch "Totenuhr"; es soll jemandes Tod ankündigen. Ich glaube erst, es sei meine Taschenuhr, aber das hielt nicht Stich, da das Klopfen fortfuhr, nachdem ich die Uhr weggelegt hatte. Es sind auch nicht die Federn meiner Tragbänder oder das Futter der Weste. Ich nehme die Deutung der Totenuhr an, weil die mir am meisten behagt.
Vor einigen Nächten hatte ich einen Traum, der aufs neue meine Sehnsucht weckte, sterben zu dürfen, indem er mir die Hoffnung auf ein besseres Dasein wiedergab, wo man keine Gefahr läuft, einen Rückfall in die Qual des Lebens zu tun.
Als ich auf einem Vorsprung, der von einer jähen in Dunkel gehüllten Tiefe begrenzt wurde, zu weit vorgetreten war, fiel ich mit dem Kopf voran in einen Abgrund. Aber ich fiel eigentümlicher Weise hinauf statt hinunter. Und unmittelbar umgeben wurde ich von einem blendendweissen Lichtschimmer, und ich sah——
Was ich sah, flösste mir zwei gleichzeitige Vorstellungen ein: ich bin tot, und ich bin erlöst! Und ein Gefühl der höchsten Seeligkeit umhüllte mich bei dem Bewusstsein, dass das andere nun zu Ende sei. Licht, Reinheit, Freiheit erfüllten mein Gemüt, und indem ich ausrief: Gott!, empfand ich die Gewissheit, dass ich Vergebung bekommen habe, dass die Hölle hinter mir liege, dass sich der Himmel öffne.