Während ich den Boulevard St. Michel hinunterging, war ich auf mich selbst ärgerlich, dass ich die Gelegenheit versäumt hatte, alles rund heraus zu sagen. Ich hatte noch viele Pfeile im Köcher, wenn nur der Unbekannte geruht hätte, zu antworten oder eine Anklage gegen mich zu richten.

Aber im selben Augenblick, wie sich jetzt die Menschenmenge um mich drängt, im starken Schein der Gaslaternen, und alle Realitäten der ausgestellten Handelswaren mich wieder an das Leben in seiner ganzen Kleinlichkeit erinnern, erscheint mir die Szene im Garten wie ein Wunder, und ich eile erschreckt nach meiner Wohnung, wo Meditationen mich in einen Abgrund von Zweifel und Angst versenken.

Etwas trägt sich zu in der Welt, und die Menschen warten auf etwas Neues, das sich in Schimmern hat wahrnehmen lassen. Es ist das Mittelalter, die Zeit des Glaubens und der Glaubenslehre, das in Frankreich wieder im Anzuge ist, nachdem es durch den Sturz eines Kaisertums und eines Miniatur-Augustus eingeleitet worden, ganz wie beim Verfall der Römermacht und den Einfällen der Barbaren; und man hat Paris-Rom in Flammen stehen und die Goten sich im Kapitol-Versailles krönen sehen. Die grossen Heiden Taine und Renan sind zur Vernichtung hinabgestiegen und haben ihren Skeptizismus mit sich genommen; aber Jeanne d'Arc ist wieder zum Leben erwacht. Die Christen werden verfolgt, ihre Prozessionen von Gendarmen auseinander getrieben, während an den Karnevalstagen Saturnalien gefeiert werden und ihre Schändlichkeiten auf offener Strasse ausbreiten, unter dem Schutz der Polizei und mit dem Gelde der Regierung, die den Unzufriedenen zum Trost Circenses bietet, mit oder ohne durch Gladiatoren gefällte wilde Tiere. Panem et circenses, (teures) Brot und Zirkusspiel! Alles ist feil für Geld; Ehre, Gewissen, Vaterland, Liebe, Rechtsprechung: wahrhaftig beweisende und regelrechte Symptome des Auflösungsprozesses einer Gesellschaft, bei der das Wort und die Sache Tugend seit dreissig Jahren in den Bann getan ist.

Das ist doch Mittelalter, Tracht und Haar des Primitiv-Weibes. Die jungen Männer kleiden sich in Mönchskutten, schneiden das Haar mit Tonsur und träumen von Klosterleben; schreiben Legenden und führen Mirakelspiele auf, malen Madonnen und schnitzen Christusbilder, Eingebung aus der Mystik des Magiers holend, der sie mit Tristan und Isolde, Parcifal und Gral verzaubert hat. Die Kreuzzüge beginnen von neuem, gegen Türken und gegen Juden; die Antisemiten und Philhellenen sorgen für die Sache. Die Magie und Alchemie haben sich schon eingenistet, und man wartet auf den ersten beweisbaren Fall von Verhexung, um den Scheiterhaufen zu errichten als Folge der Hexenprozesse. Mittelalter! Die Wallfahrten nach Lourdes, Tilli-sur-Seine, Rue Jean Goujon! Und selbst der Himmel gibt der dumpf und stumpf gewordenen Welt Zeichen, sich bereit zu halten; der Herr spricht durch Wasserhosen, Cyklone, Überschwemmungen, Donnerschläge.

Mittelalter ist der Aussatz, der von neuem auftritt und gegen den die Ärzte von Paris und Berlin soeben ein Bündnis geschlossen haben.

Das schöne Mittelalter, als die Menschen zu geniessen und zu leiden verstanden, als die Kraft und die Liebe, die Schönheit in Farbe, Linienspiel und Harmonie sich zum letzten Mal offenbarten, ehe sie durch die Renaissance des Heidentums, die man Protestantismus nennt, ertränkt und niedergesäbelt wurden.

Der Abend ist da, und ich brenne vor Sehnsucht, die Begegnung mit dem Unbekannten zu erneuern, wohl vorbereitet, wie ich jetzt bin, alles zu gestehen, und mich zu verteidigen, ehe ich verurteilt werde.

Nachdem ich mein tristes Mittagessen eingenommen habe, gehe ich also den Calvarienweg die Rue Bonaparte hinauf. Niemals ist mir diese Strasse so gross vorgekommen, wie jetzt am Abend, und die Ladenfenster gähnen wie Abgründe, in denen Christus in vielfacher Gestalt auftritt, bald gemartert, bald triumphierend. Und ich gehe und gehe, während mir der Schweiss in grossen Tropfen rinnt und die Stiefelsohlen gegen die Füsse brennen, ohne dass ich doch einen Schritt vorwärts komme. Bin ich Ahasver, der dem Erlöser einen Trunk Wasser verweigert hat, und bin ich jetzt, da ich ihm zu folgen und ihm nachzueifern wünsche, unfähig, mich ihm zu nähern?

Schliesslich und ohne selbst zu wissen wie, befinde ich mich vor dem Fleurus-Tor und im nächsten Augenblick im Garten, der dunkel, feucht und still da liegt. Sofort setzt ein Windstoss das Gerippe der Bäume in Zittern, und der Unbekannte nimmt eher Stellung, als dass er sich nähert, in seiner Hülle von Licht und Sommer.

Mit demselben Lächeln wie das vorige Mal, ladet er mich mit einem Zeichen ein, zu sprechen.