Wie unbeholfen ich war, dass ich vergass, das alles dem Unbekannten zu sagen. Aber das nächste Mal werde ich den Schaden wieder gut machen.

Drei Monate lang suchte ich vergebens persönliche Verbindungen mit der Swedenborg-Gesellschaft in Paris einzuleiten. Eine ganze Woche gehe ich jeden Morgen nach dem Pantheon hinauf, um die Rue Thouin zu erreichen, wo Kapelle und Bibliothek des schwedischen Propheten liegen. Schliesslich treffe ich jemand, der mir sagt, dass der Bibliothekar nur nachmittags empfängt, gerade zu der Zeit, wo ich allein mit meinen Gedanken sein will und zu müde bin, um Spaziergänge zu machen. Gleichwohl mache ich immer wieder den Versuch, nach der Rue Thouin zu kommen. Das erste Mal fühle ich mich beim Fortgehen unbehaglich niedergedrückt, und am Ende der Saint-Michel-Brücke artete dieses Gefühl zu einer Angst aus, die mich zwang, nach Hause zurückzukehren. Ein ander Mal ist es Sonntag, und man will Gottesdienst halten. Ich komme eine Stunde zu früh, und meine Kräfte reichen nicht aus, eine Stunde auf der Strasse zuzubringen. Das dritte Mal finde ich auf der Rue Thouin das Pflaster aufgerissen, und Arbeiter versperren den Weg mit ihren Gestellen und Gerätschaften. Da denke ich, dass es nicht Swedenborg sein darf, der mich auf den guten Weg führen soll, und unter dem Eindruck dieser Ahnung kehre ich um. Bei der Heimkehr fällt mir ein, dass ich mich von Swedenborgs unsichtbaren Feinden habe betrügen lassen, und dass ich sie bekämpfen muss. Der letzte Versuch wird im Wagen vorgenommen. Dieses Mal ist die Strasse barrikadiert, wie um ausdrücklich meine Absichten zu hindern. Ich steige aus dem Wagen, klettere über Hindernisse; als ich aber an der Tür des Swedenborghauses anlange, sind Trottoir und Treppe fortgenommen. Trotz allem schlage ich mich nach dem Eingang durch, ziehe am Glockenstrang und ... erfahre von einem Unbekannten, dass der Bibliothekar krank ist.

Mit einer Art Linderung in der Seele kehre ich der düsteren und dürftigen Kapelle mit ihren dunklen Fensterscheiben, die von Regen und Staub beschmutzt sind, den Rücken. Es hatte mich immer abgestossen, dieses Haus in strengem, barbarischem, schwermütigem Methodistenstil, dessen Mangel an Schönheit mich an den Protestantismus des Nordens erinnerte, und erst nach ernsten Kämpfen gegen meinen Hochmut verstand ich mich dazu, dort Eintritt zu suchen. Eine Frömmigkeitspflicht gegen Swedenborg, weiter nichts. Als ich mit leichtem Herzen umkehrte, gewahre ich auf dem Trottoir ein verzinntes Eisenstückchen, wie ein Kleeblatt geformt, und aus Aberglauben nehme ich es auf. Und sogleich wird eine Erinnerung zum Leben erweckt. Als ich nämlich das Jahr vorher, den 2. November in dem schrecklichen Jahr 1896, eines Morgens in Klam in Österreich promenierte, ging die Sonne hinter einer Wolkenwand in Form eines Bogens mit kleeförmigen Aussenlinien auf, der von blauen und weissen Strahlen umgeben war. Und diese Wolke glich meinem verzinnten Eisenblech wie zwei Wassertropfen einander gleichen; mein Tagebuch, in dem noch die Zeichnung zu finden ist, kann diese Tatsache bestätigen.

Was soll dies bedeuten? Die Dreieinigkeit, das ist klar. Und weiter?—

Ich verlasse die Rue Thouin, froh wie ein Schuljunge, der einer schweren Aufgabe entronnen ist, weil der Lehrer krank geworden. Und als ich am Pantheon vorbeigehe, finde ich den Tempel geöffnet, das grosse Tor sperrweit auf, und zwar auf eine herausfordernde Weise, die mir zurief: tritt nur ein. Tatsächlich habe ich trotz meinem langen Aufenthalt in Paris niemals diese Kirche besucht, hauptsächlich weil man mir über die Wandgemälde Lügen erzählt und versichert hat, sie behandeln Stoffe aus der Geschichte der Gegenwart, vor der ich Abscheu empfinde. Man denke sich mein Entzücken, als ich eintrete und eine Lichtdusche empfange, die vom Mittelgewölbe fällt, und mich mitten in einer goldenen Legende befinde, Frankreichs heiliger Geschichte, die unmittelbar vor dem Protestantismus schliesst. Die mehrdeutige Inschrift draussen "Aux grands hommes" hatte mich also betrogen. Wenig Könige, noch weniger Generäle und nicht ein Abgeordneter; ich atme wieder. Dagegen St. Denis, die heilige Genoveva, Ludwig der Heilige, St. Jeanne (d'Arc). Nie hätte ich geglaubt, dass die Republik in dem Grad katholisch wäre. Fehlt nur der Altar, das Tabernakel, und an Stelle des Gekreuzigten und der Himmelsmutter ist das Bild einer weltlichen Frau hier von Frauenverehrung errichtet; doch ich tröste mich mit dem Gedanken, dass diese Berühmtheit schliesslich unten in den Kloaken landen wird, wie so viele andere und ehrenvollere. Es ist schön und lieblich, in diesem Tempel, welcher der Heiligkeit geweiht ist, umher zu gehen, aber zugleich betrübt es, wenn man sieht, wie man die Tugendhaften und Wohltätigen enthauptet.

Muss man sich nicht um der Ehre des guten Gottes willen vorstellen, dass alle diese Fälle von schlechter Behandlung, die den Gerechten und Barmherzigen zuteil geworden, nur scheinbare Massregeln sind; und dass, wie wenig ermunternde sich auch der Weg der Tugend zeigen mag, der doch zu einem guten Endpunkt führt, der unserer Auffassung verborgen ist? Sonst müssten die Höllen dieser Schaffots und Scheiterhaufen, die den Heiligen angesichts triumphierender Henker vorbehalten sind, uns auf lästerliche Gedanken bringen über die Güte des höchsten Richters, der die Heiligkeit im Erdenleben zu hassen und zu verfolgen scheint, um sie in einer höheren Welt zu belohnen: "die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten."

Indessen werfe ich, als ich aus der Kirche trete, einen Blick nach der Rue Thouin und wundere mich, dass der Weg zu Swedenborg mich in den Tempel der heiligen Genoveva geführt hat. Swedenborg, mein Wegweiser und Prophet, hat mich gehindert nach seiner bescheidenen Kapelle zu gehen: hat er sich denn selbst verworfen und ist jetzt besser unterrichtet worden, so dass er sich zum Katholiken bekehrt hat? Während ich die Arbeiten des schwedischen Sehers studierte, hat es mich betroffen, wie er sich als Gegner Luther gegenüberstellt, der den Glauben allein pries; und in der Tat ist Swedenborg katholischer als er sich den Anschein hat geben wollen, da er den Glauben und die Werke gepredigt hat, ganz wie die römische Kirche.

Wenn es sich so verhält, dann bekämpft er sich selbst, und ich, sein Adept, werde zwischen Amboss und Hammer zermahlen werden.

Eines Abends nach einem von Gewissenbissen und Zweifeln erfüllten Tag, begab ich mich, nachdem ich mein einsames Mittagsmahl eingenommen hatte, nach dem Garten, der mich an sich lockt wie ein Gethsemane, wo unbekannte Leiden meiner warten. Ich habe ein Vorgefühl der Qualen und kann nicht entfliehen. Ich ersehne sie fast, wie der Verwundete sich einer grausamen Operation zu unterziehen wünscht, die ihm Genesung oder den Tod bringen wird.

Am Fleurus-Tor angelangt, befinde ich mich sogleich drinnen auf der Rennbahn, die in der Ferne vom Pantheon und dem Kreuz begrenzt wird. Vor zwei Jahren bezeichnete dieser Tempel für meinen weltlichen Sinn die Ehre, die "grossen Männern" gewidmet wird; jetzt lege ich das aus: den Märtyrern und den Leiden, die sie ausgestanden haben; so hat sich mein Gesichtspunkt verändert.