Die Abwesenheit des Unbekannten macht mich unruhig und ich empfinde eine Beklemmung der Brust. Einsam und zur Fehde bereit, fühle ich mich aus Mangel an einem sichtbaren Gegner matt werden. Gegen Schemen, Schatten zu kämpfen, das ist schlimmer als gegen Drachen und Löwen! Schrecken ergreift mich, und von dem Mut des Furchtsamen getrieben, gehe ich auf dem schlüpfrigen Boden zwischen den Platanen mit festen Schritten weiter. Ein eingeschlossener Geruch von schmutzigem Kabeljau, mit Teer und Talg gemischt, erstickt mich; ich höre das Schwappen der Wogen gegen Schiffsrümpfe und einen Kai; ich werde in den Hof eines gelben Ziegelgebäudes geführt, ich steige Treppen hinauf und gehe, durch unermesslich grosse Säle und zahllose Galerien, zwischen Schaukästen und Glasschränken voller ausgestopfter oder in Gefässen konservierter Tiere. Schliesslich ladet mich eine offene Tür in einen Saal von seltsamen Aussehen ein; er ist dämmrig und schwach von Lichtflecken erleuchtet, die von einer Menge in wohlgeordneten Schaukästen ausgestellter Münzen und Medaillen reflektiert werden. Ich bleibe vor einem mit Glas bedeckten Kasten in der Nähe eines Fensters stehen, und unter den Gold-und Silbermedaillen wird mein Blick von einer aus anderm Metall, das dunkel wie Blei ist angezogen. Es ist mein Bild, der Typus eines Frevlers und Ehrgeizigen mit hohlen Wangen, zu Berge stehendem Haar und hasserfülltem Mund. Und die Kehrseite der Medaille trägt die Devise: "Die Wahrheit ist immer rücksichtslos." O, die Wahrheit, die den Sterblichen so verborgen ist und die entschleiert zu haben ich übermütig genug war zu glauben, als ich das heilige Abendmahl verhöhnte, dessen Wunder ich jetzt bekenne. Ein gottloses Erinnerungszeichen, zur Unehre der Gottlosigkeit von lästerlichen Freunden errichtet! Es ist wahr, ich habe mich immer wegen dieser Verherrlichung der Brutalität geschämt und mich nicht darum gekümmert, dieses Erinnerungszeichen zu bewahren; ich habe es den Kindern zum Spielen hingeworfen, und es ist fortgekommen, ohne dass ich es vermisst hätte. In gleicher Weise wollte ein schicksalsschweres "Zusammentreffen", dass der Künstler der die Medaille machte, gleich danach geistesgestört wurde, nachdem er seinen Verleger betrogen und Fälschungen begangen hatte. O, diese Schmach! die nicht ausgetilgt werden kann, sondern immer im Gedächtnis bewahrt wird, da das Gesetz gebietet, dass dieses Anklage-Dokument in den Museen des Staates verwahrt wird. Da sieht man die Ehre.

Worüber habe ich mich zu beklagen, da die Vorsehung einer schimpflichen Bitte Erfüllung gewährt hat, die ich in meiner Jugend an sie richtete. Es war um mein fünfzehntes Jahr; müde der nutzlosen Kämpfe gegen das junge Fleisch, das auf Befriedigung der Leidenschaften pochte; erschöpft von den religiösen Konflikten, die meine Seele verheerten, welche lüstern war, das Rätsel des Daseins zu erfahren; in einer Umgebung frömmelnder Menschen, die mich unter dem Vorwand peinigten, meine Seele der Liebe zum Göttlichen zuneigen zu wollen, äusserte ich unumwunden folgende Worte zu einer alten Freundin, die mich zu Tode moralisiert hatte: Ich lasse die Moral fallen, wenn ich nur ein grosses Talent werden kann, das allgemein bewundert wird!—Später wurde ich in meiner Ansicht von Thomas Henry Buckle bestärkt, der uns lehrte, dass die Moral ein Nichts sei, das sie sich nicht entwickle, und dass die Intelligenz alles sei. Und mit zwanzig Jahren lernte ich von Taine, dass böse und gut zwei indifferente Sachen seien, denen unbewusste und verantwortungslose Eigenschaften innewohnten, wie die Acidität der Säure und Alkalität bei einem Alkali. Und diese Phrase, die von Georg Brandes im Fluge ergriffen und ausgearbeitet wurde, drückt ihr Gepräge von Immoralität auf die skandinavische Literatur. Ein Sophisma, das heisst, ein schwacher Vernunftschluss, der fehl geschossen hat, verführt eine Generation von freidenkenden Menschen! Eine solche Schwäche! Denn beim Analysieren von Buckels Epigramm: "Die Moral entwickelt sich nicht, also ist sie indifferent", entdeckt man leicht, dass der Schlusssatz besser so gezogen werden könnte: Die Moral, die unerschütterlich dieselbe bleibt, beweiset dadurch ihren göttlichen und ewigen Ursprung.

Als mein Wunsch endlich erhört wurde, war ich das anerkannte, bewunderte Talent und der verachtetste aller Menschen, die in diesem Jahrhundert in meinem Lande geboren sind. In den Bann getan von den besseren Kreisen, missachtet von dem Geringsten unter den Geringen, verleugnet von meinen Freunden, den Besuch meiner Bewunderer in der Nacht oder im geheimen empfangend! Ja, alle beugen sich vor der Moral, und eine Minderheit verbeugt sich vor dem Talent: das gibt uns manches zu denken über das Wesen der Moral! Und noch schlimmer ist die Kehrseite der Medaille! Die Wahrheit! Als ob ich mich nie der Lüge ergeben hätte, trotzdem ich in dem Ansehen stand wahrhaftiger, aufrichtiger als andere zu sein. Ich verweile nicht bei den kleinen Lügen der Kindheit, weil die so wenig bedeuten, hervorgegangen, wie sie meist waren, aus Furcht oder der Unfähigkeit, die Wirklichkeit von den Einbildungen zu trennen; und weil sie aufgewogen wurden von ungerechten Strafen, die auf falsche Anklagen der Kameraden erfolgten. Aber es sind andere Lügen, ernster wegen der verderblichen Folgen, die das schlechte Beispiel und das Entschuldigen einer schweren Versündigung hervorbringen. Es ist die unwahre Darstellung, die meine Selbstbiographie "Der Sohn einer Magd" über die Krisis der Pubertät gibt. Als ich dieses Jugendbekenntnis schrieb, scheint mich der liberalistische Geist der damaligen Zeit verführt zu haben, mit zu hellen Farben zu malen, in der verzeihlichen Absicht, junge Männer, die einem frühreifen Laster anheimgefallen sind, von der Furcht zu befreien.

Als ich zum Schluss dieser bitteren Reflexionen gekommen bin, schrumpft das Münzkabinett zusammen, die Medaille zieht sich in die Ferne zurück und verkleinert sich zur Grösse eines Bleiknopfes. Und ich sehe mich in einer Bodenkammer auf dem Lande, am Strande des Mälar, in einem Pensionat für Knaben bei einem Künstler, im Jahre 1861. Kinder in ungesetzlichen Verbindungen geboren, Kinder von Eltern, die aus dem Land geflohen sind, schlecht erzogene Kinder, die in zu zahlreichen Familien im Wege stehen, leben hier zusammen, in einen Bodenraum zusammengepfercht, ohne Aufsicht, zu zweien das Bett teilend, einander tyrannisierend und einander misshandelnd, um sich am Leben zu rächen, das so grausam ist. Eine hungrige Herde kleiner Missetäter, schlecht gekleidet und schlecht genährt, ein Schrecken für die Bauern und besonders für die Gärtner. Genug, der älteste in der Bande spielt die Rolle des Verführers, und das Laster nistet sich ein in die junge Schar....

Dem Fall, jawohl dem Fall, folgt unmittelbar die Gewissensqual, und ich sehe mich bei dem schwachen Schein des grauenden Sommertages im Nachthemd am Tisch sitzen, das Gebetbuch vor mir. Schamgefühl und Gewissensqual, trotzdem mir die Natur der Sünde vollständig unbekannt war. Unschuldig, weil ich unbewusst war, und doch verbrecherisch. Verführt und nachher Verführer, Reue und Rückfall, Zweifel an der Wahrhaftigkeit des anklagenden Gewissens! Zweifel, dass ein Gott gnädig ist, der die schrecklichsten Versuchungen für einen Unwissenden auslegt. Für ein Kind, das als einen von der Natur herzlich gern gebotenen Genuss hinnimmt, was das göttliche Gesetz mit dem Tode bestraft. Ohne Schuld vor sich selbst und doch von Gewissensbedenken gepeinigt, die den Unglücklichen der Religion zu jagen; die aber vergibt oder tröstet nicht, sondern verurteilt zu Wahnwitz und Hölle—den unschuldigen Wicht, das Opfer, dem die Kraft fehlt, im ungleichen Kampf mit der allmächtigen Natur stand zu halten.

Das höllische Kohlenfeuer ist angezündet, um bis ans Grab zu brennen, sei es, dass es in der Einsamkeit unter der Asche glüht oder Nahrung von den brennbaren Stoffen eines Weibes holt. Versucht man dieses Feuer durch Enthaltsamkeit zu löschen, so wird die Leidenschaft perverse Wege einschlagen und die Tugend auf unerwartete Weise bestraft werden. Begiesse den angezündeten Scheiterhaufen mit Petroleum, so bekommst du eine Vorstellung von der erlaubten Liebe!

Wahrhaftig, kommt ein Knabe und fragt mich jetzt, den Fünfzigjährigen: was soll man tun? so habe ich nur eine Antwort, nach so vielen Erfahrungen und so vielen Erörterungen und die ist:

—Ich weiss es nicht!

Und suchte mich ein junger Mann auf, um mich zu fragen, was vorzuziehen sei, unverheiratet zu bleiben oder die Ehe einzugehen, würde ich antworten: Das beruht auf Neigung und Geschmack; wenn Sie die Hölle des Junggesellen vorziehen, so wählen Sie die; gefällt Ihnen die eheliche Hölle besser, so treten Sie in diese ein. Für meine Person ziehe ich Gehenna an der Seite einer Gattin vor, weil das ein Paradies zur Folge hat, das allerdings künstlich ist aber entzückend und in dem es Erinnerungen an das goldene Zeitalter gibt: nämlich das Kind.

Ich möchte mich als Verführer der Jugend anklagen, aber kann es nicht, da der Zweck meines Bekenntnisses war, die Jünglinge von der Furcht zu befreien. Befreiung, das war die Losung für die skandinavische Literatur die ganzen achtziger Jahre. Ich befreite die Frauen, mit dem Erfolg, dass die Familienfrauen den Prostituierten gleich wurden und sich gegen ihren Befreier wandten, um ihn mit ihren zerbrochenen Ketten zu schlagen. Ich habe die Elenden und die Unterdrückten so befreit, dass die Gesellschaft von den schlimmsten Unterdrückern regiert wird, die zur Macht gekommen sind. Ich habe die Jugend von Gewissensqual und Verkehrtheit befreien wollen, und die Jugend, die in Laster und Verbrechen versunken ist, klagt mich an, ein Catilina zu sein, und Väter und Mütter haben mich auf den Index gesetzt! Also soll man das Befreien lassen, da das Leben ein Gefängnis ist; was ich nicht wusste; und das entschuldigt mich vor mir selbst, da ich in gutem Glauben und in guter Absicht gehandelt habe, um dem Vorbild des Erlösers zu folgen, der die Ehebrecherin und den Räuber frei sprach. Das einzige ist darin liegt der Hauptpunkt, dass ich die furchtbaren Gewissensqualen verleugnet habe, die den Fall eines Knaben begleiteten, und das ist mea culpa; das lässt mich erröten angesichts der Inschrift der Medaille, die ich nicht selbst besorgt habe.