Nun habe ich den ganzen Abgrund in mir, und der milde Christus in "L'Imitation" ist der Dämon geworden, der Peiniger! Ich fühle lebhaft, wenn dieses sich weiter entwickelt, werde ich Pietist, aber das will ich nicht! Will nicht!
Drei Tage sind vergangen, seit ich Swedenborg fortgelegt habe, aber eines Abends, als ich mich mit Pflanzenphysiologie beschäftige, erinnere ich mich, etwas besonders Sinnreiches über die Stellung der Pflanze in der Schöpfungskette gerade in "Vera Religio Christiana" gesehen zu haben. Vorsichtig beginne ich nach der berühmten Stelle zu suchen, finde sie aber nicht; dagegen finde ich alles andere: Die Berufung, die Erleuchtung, die Heiligung, die Bekehrung, und wie ich die Blätter wende und die Seiten zu überfliegen suche, bleibt das Auge auf den grausigsten Stellen haften, die stechen und brennen. Zweimal suche ich die beiden Bände durch, aber das Gesuchte ist verschwunden. Es ist ein verzaubertes Buch, und ich möchte es verbrennen, wage es aber nicht, weil die Nacht bevorsteht und die Uhr zwei werden kann.... Ich fühle, wie ich Heuchler werde, und ich habe in mir beschlossen, morgen, wenn ich nur diese Nacht in Frieden schlafen darf, einen Kampf gegen diesen Seelenverderber aufzunehmen; ich werde seine eigenen Schwächen mit dem Mikroskop besichtigen, ich werde seine Stacheln aus dem Herzen ausreissen, wenn es auch dabei zerrissen werden sollte, und ich will vergessen, dass er mich von dem einen Irrenhaus gerettet hat—um mich in das andere zu bringen!
Nachdem ich die Nacht geschlafen habe, obwohl ich erwartet habe, erschlagen zu werden, ging ich am folgenden Morgen ans Werk, nicht ohne Skrupel, denn die Waffen zu ergreifen gegen einen Freund, ist die betrübendste von allen Unternehmungen. Aber es muss geschehen; es handelt sich um meine unsterbliche Seele, ob sie vernichtet werden soll oder nicht.
So lange Swedenborg in "Arcana" und der "Apokalypse" sich an Offenbarungen, Prophezeiungen, Auslegungen hielt, da machte er mich religiös, aber wenn er in "Vera Religio" anfängt über die Dogmen zu räsonieren, dann ist er Freidenker, Protestant, und zieht er blank mit der Vernunft, dann hat er die Waffen selbst gewählt, und schlechte Waffen. Ich will die Religion haben als eine stille Begleitung zu der eintönigen Alltagsmelodie des Lebens, aber hier handelt es sich um Berufsreligion, Kathederdisputation, also um Machtkampf.
Ich hatte schon beim Lesen von "Apokalypsis revelata" eine Stelle gefunden, die mich abstiess, weil sie eine menschliche Eitelkeit verriet, die ich bei einem Gottesmann nicht sehen möchte. Aber ich ging aus Rücksicht daran vorbei, jedoch nicht ohne sie zu notieren. Im Himmel trifft Swedenborg einen englischen König und beklagt sich ihm gegenüber, dass englische Zeitschriften es nicht geruht hätten, seine Schriften anzukündigen. Swedenborg drückte seinen Verdruss besonders über einige Bischöfe und Lords aus, die seine Schriften angenommen, aber ihnen keine Aufmerksamkeit geschenkt hätten. Der König (Georg II.) war erstaunt und wandte sich zu den Unwürdigen, indem er sagte: "Gehet eure Wege! Wehe dem, der so gefühllos bleiben kann, wenn er etwas vom Himmel und dem ewigen Leben hört." Hier will ich als mir unsympathisch anmerken, dass sowohl Dante wie Swedenborg ihre Feinde und Freunde in die Hölle schicken, während sie selbst die Höhen besteigen. Darf ich mir wie Paulus ein kleines Selbstlob erlauben, so ist der Augenblick gekommen, daran zu erinnern, dass ich mich im Gegensatz zu den hohen Meistern allein mitten in die Gluthaufen des Inferno gesetzt habe und die andern wenigstens über mich ins Fegefeuer.
In "Vera Religio" ist die Sache noch unangenehmer, denn dort trifft man Calvin in einem Bordell, weil er gelehrt hat, dass der Glaube alles ist und die Werke nichts (vgl. den Räuber am Kreuz!). Luther und Melanchthon, ungeachtet ihres Protestantismus, sind rohem Hohn und albernen Possen ausgesetzt.... Nein, es regt mich auf, diese Flecke in dem Bilde eines erhabenen Geistes aufzusuchen. Und ich hoffe, es ist Swedenborg in seiner geistigen Entwicklung ergangen, wie es nach seinen Worten Luther ergangen sein soll: "Als dieser in die Geisterwelt eintrat, machte er starke Propaganda für seine Dogmen, aber weil diese nicht im innersten Wesen seines Geistes eingewurzelt, sondern nur von Kindheit an eingesogen waren, ging ihm bald eine grössere Klarheit auf, so dass er schliesslich des neuen Himmelsglaubens teilhaftig wurde."
Ist mein Lehrer zornig, dass ich dies geschrieben habe? Ich kann es nicht glauben; vielleicht teilt er meine Meinungen jetzt, und hat erfahren, dass dort oben nicht Theologie disputiert wird. So wie er das Leben in der Geisterwelt geschildert hat, mit Kathedern und Auditorien, Opponenten und Respondenten, hat er mich zu der lästerlichen Frage verleitet: Ist Gott Theolog?
Ich hatte nun Swedenborg eingeschlossen, von ihm Abschied genommen, mit Dankbarkeit, als von dem, der mich, wenn auch mit Schreckbildern, wie ein Kind zu Gott zurück gescheucht hat. Und siehe, der Schwarze Christus plagt mich nicht mehr mit Unseligkeit, sondern der Weisse, das Kind das lächeln und spielen kann, nähert sich mit dem Advent; damit findet sich ein gewisser froherer Blick aufs Leben ein, so lange ich nämlich wache über meine Handlungen, Worte und sogar Gedanken, die, wie es scheint, nicht geheim gehalten werden können vor dem unbekannten Schutzengel und Strafengel, der mir überall folgt.
Rätselhafte Begebenheiten treffen immer noch ein, aber nicht mehr so drohend wie früher. Swedenborgs Christentum habe ich verlassen, wie es hasserfüllt, rachgierig, kleinlich, sklavisch war, aber ich behalte "L'Imitation" mit gewissen Vorbehalten, und eine stille Kompromissreligion ist auf diesen unseligen Zustand gefolgt, der das Suchen nach Jesus begleitet. Ich sitze eines Abends und diniere mit einem jungen französischen Poeten, der soeben "Inferno" gelesen hat und vom okkultistischen Gesichtspunkt aus Erklärungen suchen will für die ausgestandenen Attacken, denen ich ausgesetzt war.
—Haben Sie keinen Talisman? fragte er. Sie müssen einen Talisman haben.