Einer widerspricht dem Andern, und ich bin schliesslich ebenso klug wie vorher, stelle mich jedoch so, als glaube ich alles, was man mir erzählt. Die allzu deutliche Feindseligkeit liess mich den Schwur tun, die Cremerie zu meiden; zu meinem Bedauern, denn einige Menschen waren mir wirklich sympathisch geworden. Von neuem durch diesen verwünschten Feind in die Einsamkeit getrieben, werde ich gegen ihn eingenommen und der Hass setzt mir zu und macht mich böse. Ich verzichte auf den Tod! Ich will nicht von der Hand des Mannes fallen, der meiner nicht wert ist: die Demütigung wäre zu tief für mich, die Ehre zu gross für ihn. Ich will kämpfen, mich verteidigen.
Um mir die Sache vom Herzen zu schaffen, begebe ich mich in die Rue de la Santé hinter Val-de-Grâce, um einen dänischen Maler, einen intimen Freund Popoffskys, zu besuchen. Dieser Mann, einst mein Freund, war vor sechs Wochen nach Paris gekommen und hatte mich, als ich ihn auf der Strasse traf, wie einen Fremden, fast wie einen Feind begrüsst. Am nächsten Tage dagegen machte er mir einen Besuch, lud mich in sein Atelier ein und sagte mir zu viele Artigkeiten, um nicht den Eindruck eines falschen Freundes auf mich zu machen. Als ich ihn fragte, ob er etwas Neues von Popoffsky gehört habe, verschanzte er sich hinter Ausflüchten, bestätigte aber die Neuigkeit, dass er bald nach Paris kommen werde.
—Um mich zu ermorden! ergänzte ich.
—Gewiss! Nehmen Sie sich in acht!
Als ich eines Morgens die Tür zu dem Hause meines Dänen öffnete, um seinen Besuch zu erwidern, lag—welcher Zufall!—eine dänische Dogge von riesiger Grösse und ungeheuerlichem Aussehen auf dem Pflaster des Hofes und versperrte mir den Weg. Mit einer instinktiven, aber entschiedenen Bewegung ging ich augenblicklich wieder auf die Strasse hinaus und kehrte auf meinen Spuren um, den Mächten dankend, dass sie mich gewarnt hatte; so überzeugt war ich, dass ich einer unbekannten Gefahr entronnen sei.
Als ich einige Tage später meinen Besuch wiederholen wollte, sass auf der Schwelle der offenen Tür ein Kind, das eine Spielkarte in der Hand hatte. Mit hellseherischem Aberglauben warf ich einen Blick auf die Karte. Es war die Pik zehn!
—Man treib ein hässliches Spiel in diesem Hause. Und ich zog mich zurück, ohne einzutreten.
Aber heute abend nach der Szene in der Cremerie war ich fest entschlossen, Cerberus und Pik zu trotzen; doch das Schicksal widersetzte sich dem: ich traf meinen Mann in der Brasserie des Lilas. Er war entzückt mich zu sehen, und wir setzten uns auf der Terrasse an einen Tisch.
Indem er unsere gemeinsame Berliner Erinnerungen durchging, fiel er in seine alte Rolle des guten Kameraden zurück, begeisterte sich an seinen eigenen Erzählungen, vergass die kleinen Uneinigkeiten und gestand Tatsachen ein, die er öffentlich geleugnet hätte.
Plötzlich schien er sich an seine Pflicht oder an gegebene Versprechungen zu erinnern: er wird stumm, kalt, feindlich, als ärgere er sich, dass er sich habe aushorchen lassen.