Welch unseliger Instinkt treibt den Kutscher mich durch diese via dolorosa, die mit begrabenen Erinnerungen gepflastert ist, zu fahren? Zu dieser nächtlichen Stunde werden die Erinnerungen wieder lebendig wie Gespenster. Ich kann nicht erklären, warum er gerade diese Gasse fährt, in der unsere Weinstube "Das schwarze Ferkel" liegt, einst berühmt als Lieblingslokal von Heine und E. T. A. Hoffmann. Der Wirt steht selber auf der Treppe unter dem Ungetüm, das als Firmenschild in der Luft hängt. Er sieht mich ohne mich zu erkennen! Eine Sekunde lang wirft der Kronleuchter von drinnen seine durch die hundert Flaschen der Auslage gefärbten Strahlen und lässt mich ein Jahr meines Lebens, das reichste an Kummer und Freude, Freundschaft und Liebe, wieder erleben. Zugleich aber fühle ich lebhaft, dass dies alles zu Ende ist und begraben bleiben muss, um Neuem Platz zu machen.

Ich schlafe diese Nacht in Berlin. Als ich am nächsten Tag erwache, grüsst mich über den Dächern vom östlichen Himmel ein rosiger, hochrosenroter Schein. Da erinnere ich mich, diese Rosenfarbe in Malmö, am Abend meiner Abreise gesehen zu haben. Ich verlasse dieses Berlin, das meine zweite Heimat geworden ist, wo ich meine seconda primavera und zugleich den letzten Frühling erlebt habe. Auf dem Anhalter Bahnhuf lasse ich mit diesen Erinnerungen jede Hoffnung auf einen neuen Frühling und eine neue Liebe, die niemals, niemals wiederkehren werden.

Nachdem ich eine Nacht in Tabor, wohin mir der rosige Schein gefolgt ist, verbracht habe, steige ich durch den Böhmerwald nach der Donau hinab. Dort hört die Bahn auf, und im Wagen dringe ich in diese Tiefebene ein, welche die Donau bis nach Grein begleitet; zwischen Apfel- und Birnbäumen, Getreidefeldern und grünen Wiesen fahre ich dahin. DA entdecke ich in der Ferne, auf einem Hügel jenseits des Flusses, die kleine Kirche, die ich nie besucht habe, die aber den höchsten Punkt der Landschaft bildet; diese Landschaft breitet sich vor dem Häuschen aus, in dem mein Töchterchen geboren wurde, in jenem unvergesslichen Mai vor zwei Jahren.

Ich fahre durch Dörfer, komme durch Marktflecken und Klöster. Den Weg begleiten unzählige Sühnkapellen, Kalvarienberge, Weihbilder; Denksteine über Unglücksfälle, Blitzschläge, plötzlichen Tod. Und am Ende dieser Pilgerfahrt, dort unten in der Ferne, erwarten mich sicherlich die zwölf Stationen von Golgatha.

Der Gekreuzigte mit der Dornenkrone grüsst mich jede hundert Schritte, ermutigt mich und fordert mich auf, Kreuz und Leiden auf mich zu nehmen.

Jetzt töte ich mein Fleisch ab, indem ich mir von vornherein sage, dass sie, wie ich schon wusste nicht da sein wird.

Da meine Frau das Familiengewitter nicht mehr abwendet, muss ich mir von den alten Eltern, die ich tief verletzt habe, weil ich nicht einmal Abschied von ihnen hatte nehmen wollen, Gleiches mit Gleichem vergelten lassen. Ich lange also an, in dem ich mich darein finde, dass ich bestraft werde, um Frieden zu gewinnen; als ich das letzte Dorf und das letzte Kruzifix hinter mir gelassen habe, ahne ich die Todesqualen es Verurteilten.

Einen Säugling von sechs Wochen hatte ich verlassen, und ein kleines Mädchen von zweieinhalb Jahren finde ich wieder. Bei der ersten Begegnung prüft sie mich bis auf den Grund der Seele, mit einer ernsten, aber nicht strengen Miene, deutlich um zu sehen, ob ich ihretwegen oder um ihre Mutter gekommen sei. Nachdem sie sich vergewissert hat, lässt sie sich küssen und schlingt ihre Ärmchen um meinen Hals.

Das ist Fausts Erwachen zum irdischen Leben, aber lieblicher und reiner: ich nehme die Kleine immer wieder in meine Arme und fühle ihr Herzchen gegen meines schlagen. Ein Kind lieben, heisst für den Mann zum Weibe werden, das Männliche ablegen, die geschlechtslose Liebe der Himmlischen empfinden, wie Swedenborg sie nennt. Dadurch beginnt meine Erziehung für den Himmel. Aber zuerst die Sühne!

Die Situation ist in wenigen Worten diese: meine Frau wohnt bei ihrer verheirateten Schwester, weil die Grossmutter, die im Besitz der Erbschaft ist, geschworen hat, unsere Ehe auflösen zu lassen; so hasst sie mich wegen meiner Undankbarkeit und noch anderer Dinge. Ich bin willkommen bei dem Kinde, das niemals aufhören wird, mein zu sein, und ich bin der Gast meiner Schweigermutter für unbestimmte Zeit. Ich nehme die Situation hin, wie sie ist, und zwar mit Vergnügen. Meine Schwiegermutter hat mir mit dem versöhnlichen und ergebenen Geist einer tief religiösen Frau alles verziehen.