Nach langer, leidenvoller Gefangenschaft war ich wieder frei. Bewunderung füllte mich für den jugendlichen Feldherrn, der aus dem Nichts seine zahlreichen Schaaren geschaffen, die wilden Guerrillas in disciplinirte Bataillone umgewandelt und mit seiner Schöpfung die Armeen geschlagen hatte, welche seit sechs Jahren in der Erdrückung der verachteten und immer herrlicher erblühenden Carlisten beschäftigt waren. Nun stand er gefürchtet ihnen gegenüber, den oft Besiegten rasche Vernichtung drohend. Ich glühte von Kampfbegierde und Sehnsucht, unter dem Helden zu streiten, auf den die Blicke aller Loyalen mit der Hoffnung des endlichen Triumphes gerichtet waren, während die Christinos mit Zagen den Tod verkündenden Namen hörten.

Und dennoch, wie ich vorher schon sagte, fühlte ich Grauen, da ich der Thaten jenes Mannes gedachte: sein Bild schwebte vor mir als das des blutdürstigen Ungeheuers, wie er ja immer der Welt dargestellt wurde, der schmählich den Glanz seiner Siege durch Grausamkeit und des Abscheues würdige Schandthaten trübte.

Kaum in San Mateo, einem der lieblichsten Städte unseres Gebietes, angekommen, eilte ich Urlaub zu erbitten, um den General aufsuchen und meinen Wunsch nach sofort thätigem Wirken ihm vorlegen zu können; ich konnte mich unmöglich entschließen, Wochen lang träger, erschlaffender Muße mich hinzugeben, wie sehr auch die Gefährten solches Glückes nach dem langen Dulden sich zu erfreuen schienen. Der Chef des Depots sah mich erstaunt an und — — schlug den erbetenen Urlaub mir rund ab. Er erklärte, daß wir, da der General die ausgewechselten Officiere zur Erholung hieher bestimmt habe, die höchste Undankbarkeit zeigen würden, wenn Jemand von uns, anstatt die gütige Fürsorge anzuerkennen, selbst zu neuer Arbeit sich darböte. Er wenigstens werde sich nie compromittiren, indem er zu solchem Schritte Urlaub gewähre.

Im Innern gegen alle Mönche wüthend, die ihren Rosenkranz mit dem Schwerdte vertauschten, schied ich von dem überängstlichen Mann. Denn Oberst Alcalde, übrigens ein ausgezeichnet braver und kenntnißreicher Mann, der, den Degen in der Faust, vom gemeinen Freiwilligen zum Obersten der Cavallerie sich emporgeschwungen hatte, war bis zu Ferdinands VII. Tode Bruder eines Prediger-Ordens, in dem er durch Wissen und besonders durch seine hohe Beredtsamkeit sich so hervorthat, daß er den rühmenden Beinamen des pico de oro — des Goldschnabels — sich erwarb. Da es uns indessen frei stand, das carlistische Gebiet zu durchstreifen, beschloß ich, einen meiner Cameraden nach Chelva im Turia zu begleiten, um das Land und das Volk, wie unsere Lage und Verhältnisse näher kennen zu lernen.

Unser Weg führte uns durch mehrere der vorzüglichsten Gebirgsketten — Sierras — des nördlichen Valencia. Sie erheben sich im Allgemeinen nicht zu so bedeutender Höhe, wie ich in den baskischen Provinzen, dem Zuge der Pyrenäen angehörend, sie überstiegen hatte; aber dagegen bestehen sie, furchtbar wild und rauh, aus schroffen, über einander gethürmten Felsen, durch und über welche die Pfade hinlaufen, jetzt so steil zur Schlucht sich senkend, daß die Maulthiere sitzend hinuntergleiten, und dann wieder, nicht selten ganz ohne Windung, mit stufenartig ausgetretenen, jedoch unregelmäßigen Absätzen eben so steil die gegenüberliegende Höhe hinaufstrebend. Das Gebirge war fast immer kahl, dadurch von denen Guipuzcoa’s und Vizcaya’s verschieden, welche, überall mit herrlichen Waldungen bedeckt, das Auge durch die mannigfachen Schattirungen des lachenden Grüns erfreuen, während diese nackten, finstern Felsmassen, die kaum spärliches Moos oder einzelne grünbraune Kriechpflanzen ernähren, von der Hand des erstarrenden Todes getroffen scheinen. Da stört der Schritt des Reisenden kein lebendes Wesen auf, und kein Vogel belebt durch muntern Gesang das unheimliche Schweigen der Natur; nur grün glänzende Eidechsen gleiten lautlos durch das Gerölle, und der heisere Schrei des auf den unzugänglichen Felsen horstenden Adlers dringt hoch aus der Luft drohend zum Ohre des Menschen, der mit verdoppelter Hast den lieblicheren Thälern zueilt.

Und dann die Wege![79] Wie ist es möglich, daß ein Mensch ohne Herzklopfen diese — was hier Wege genannt wird — betritt; wie kann er gar, dem allgemeinen Gebrauche gemäß, ruhig auf seinem Maulthiere sitzend über diesen Abgründen auf dem mit losen Steinen besäeten und abschüssigen Pfade hinziehen! Der nicht an solche Art des Reisens Gewöhnte glaubt jeden Augenblick die unvermeidliche Katastrophe da; ein Fehltritt des Thieres muß in die gähnende Tiefe ihn hinabstürzen, jedes unter dem Fuße desselben hinabrollende Steinchen scheint ihn mit sich zum Verderben hinunterreißen zu müssen.

Lange pflegte ich, so oft solch eine halsbrechende Stelle kam, seufzend abzusteigen, den eigenen Füßen mehr trauend als fremden, bis ich endlich, da ich regelmäßig mit Lebensgefahr einige Mal stürzte, während die Reiter sicher und ungefährdet unten anlangten, von dem Thörichten meiner Befürchtungen mich überzeugte. Da vertraute ich denn auch auf den Theilen des Weges, die allenthalben sonst als ganz ungangbar würden betrachtet sein, der Gewandtheit des Maulthieres beim Hinabsteigen mich an. — Das Hinaufklettern bietet im Vergleiche gar keine Gefahr dar. — Aber welche Vorsicht und welche Sicherheit zugleich entwickeln dann die klugen, dort so ganz unentbehrlichen Thiere! Mit den größten Lasten beladen schreiten sie langsam und ruhig über den Schwindel erregenden Abgründen hin; nie schwanken sie, nie gleiten sie aus; ja bei finsterer Nacht thun sie keinen Schritt auf dem gefährlichen Boden, ohne vorher mit dem Fuße das Terrain sorgfältig betastet zu haben.

Auch in den Wegen tritt also die große Verschiedenheit dieser Gebirgsmassen von denen der baskischen Provinzen hervor, wo die Hauptstädte durch die schönsten Chausseen Spaniens und auch die im wildesten Gebirge gelegenen Dörfer durch fahrbare Wege verbunden sind. Denn dort sind allgemein von Ochsen gezogene Karren zum Transporte üblich, während in Valencia jedes Fuhrwerk unbekannt und ganz durch Maulthiere und Esel ersetzt ist.

So wie wir aber von diesen hohen Gebirgszügen in die mannigfach gestalteten Thäler hinabstiegen, entfaltete die reiche Natur des Südens wieder ihre ganze köstliche Pracht und Fülle vor uns. Wiewohl der allgemeine Charakter der Wildheit auch hier häufig hervortritt und oft mitten in den fruchtbaren Auen ein nackter Felsblock schroff sich erhebt, wie durch eine ungeheure Macht von dem Gipfel jener Massen losgerissen und in die Thäler hinabgeschleudert,[80] so war doch der sorgfältig benutzte Boden in scharfem Contraste gegen die ungastliche Kahlheit der Gebirge mit edlen Südfrüchten, Wein und dem trefflichen Weizen bedeckt, den die pyrenäische Halbinsel so reichlich erzeugt; und die starre Rauhheit der höheren Luftschichten ging, wie wir mehr und mehr zu den Ortschaften hinabstiegen, in liebliche Lauigkeit und bald in die reine, trockene Hitze über, welche in diesen Ländern doch gar nichts Drückendes und Entkräftigendes hat, wiewohl sie oft Monate lang durch keinen Regenguß gemildert wird.

Denn alle Städte und Dörfer sind in diese bezaubernden Thäler zusammengedrängt, die, oft zu Stunden weiter Breite ausgedehnt, oft auch schluchtenförmig eingeengt, als wollten die benachbarten, steil abgedachten Felsen zur Vereinigung über sie hinabstürzen, überall das Bild des regsten Lebens darbieten. Einzelne Gehöfte — masadas, masias —, schneeweiß und von Reben umrankt, liegen zerstreut zwischen den zahlreichen Ortschaften umher und lassen dem in das Thal Hinabsteigenden gleich einem jener weiten baskischen Dörfer es erscheinen, in denen jedes Haus, weit vom Nachbar getrennt, von den ihm angehörenden Ländereien umgeben ist. Dort schlängeln auch die Bäche, selten, bis sie die Ebene erreichen, zu größeren Gewässern vereinigt, durch die Gefilde befruchtend sich hin.