Auf den Gebirgen dagegen findet sich fast nie ein größeres Dorf und recht oft auf vier und fünf Stunden Entfernung selbst nicht ein einziges Haus, wohl aber sieht man hie und da einen viereckigen Raum, durch eine aus losen Steinen errichtete Mauer umgränzt, zur Einschließung des Viehes bestimmt, welches, meistens Ziegen und Schafe, als zur glücklichen Friedenszeit noch nicht Freund und Feind es aufgezehrt hatten, in den unwirthbaren Schluchten seine Nahrung suchte, die freilich spärlich genug ausfallen mußte.
Jetzt trafen wir sehr selten eine kleine Heerde von zwanzig bis dreißig Schafen; Cabrera hatte sie, da er aus der Mancha viele Tausende heimbrachte, fürsorglich unter die Landleute zu vertheilen befohlen, wie er denn bei jeder Gelegenheit den Landmann begünstigte, aus der drückenden Lage, in die der Krieg ihn gestürzt hatte, ihn zu heben und gegen die Anmaßungen des Soldaten zu schützen suchte. Vorher besaß die ganze, weite Sierra buchstäblich auch nicht Ein Stück Vieh mehr. Alles war requirirt und großentheils leider vergeudet worden, indem beim Beginn des Aufstandes von einer regelmäßigen Verwaltung und Benutzung der Hülfsquellen natürlich nicht die Rede sein konnte.
Die Bevölkerung dieses ganzen Theiles von Valencia war entschieden carlistisch gesinnt; ich habe stets gefunden, daß der Kern des Volkes es allenthalben gleich war, wenn man etwa die Andalusier ausnimmt: sie sind Nichts. Cabrera’s Armee bestand fast allein aus Valencianern, Aragonesen und Cataloniern; sehr wenige Castilianer fanden sich in ihr, und diese in der Division del Turia, da die während der Expeditionen in den letzten Jahren sich anschließenden Freiwilligen den Rekruten-Bataillonen zugetheilt wurden, welche nie konnten bewaffnet werden. Die Aragonesen aber waren weit zahlreicher im Heere, als jede der beiden andern Völkerschaften.
Der Bewohner von Nieder-Aragon ist ungebildet und selbst roh, aber zugleich bieder und treuherzig; seine unbezwingbare Halsstarrigkeit, welche das Sprüchwort der der Vizcainer gleichstellt, wird nur durch die Grobheit übertroffen, die er über Jedermann ohne Ansehn der Person ausschüttet und die sein ganzes Wesen, wie ein unveränderlicher Grundstoff, durchzieht. Selbst in den größeren Städten, in denen die dort einheimische Verderbtheit dem Charakter einen Anstrich von Treulosigkeit und Gefühllosigkeit gegeben hat, welche so oft zu den entsetzlichsten Excessen führten, hat jener grobe rücksichtslose Starrsinn nicht verwischt werden können. Dabei ist der Aragonese tief religiös gesinnt, was bei dem Zustande seiner Cultur stets in den krassesten Aberglauben ausartet, und auch in den Ausbrüchen der Leidenschaft, die bei ihm so furchtbar sind, wird er nie die höchste Achtung und Ehrfurcht vor Allem, was die Religion geheiligt hat, aus den Augen setzen. Das Bild der Jungfrau von Zaragoza,[81] der Schutzherrin von Aragon, trägt er stets als wohlthätiges Amulet auf dem Busen geborgen; an sie richtet er sein kurzes, glühendes Gebet, sie wird, so vertraut er fest, in der Todesstunde ihren Schützling segnend umschweben.
Körperlich kräftig gebaut, untersetzt, oft selbst plump, ist der Aragonese einer der besten Linien-Soldaten Spaniens, so lange er durch strenge Disciplin gefesselt ist; wo sie irgend erschlafft, wo er gar in den Vorgesetzten Schwäche wahrnimmt, wird er sofort das Joch der Subordination von sich schütteln, und schwer ist es dann, ihn wieder zur Ordnung zurückzuführen. Daher waren die Bataillone von Aragon unter Cabañero’s schwacher Leitung stets undisciplinirt und zu jeder Unordnung, vor Allem zu Plünderung und Marodiren geneigt, was das Mißlingen manches Unternehmens veranlaßte — so des Angriffes auf Zaragoza. — Seit aber Llagostera, der jedoch zum Theil durch seine grobe Härte — auch er ist Aragonese, — weit mehr noch durch manche andere Fehler, besonders Habsucht, den Haß seiner Soldaten auf sich zog, den Oberbefehl der Division übernommen hatte, zeichnete sie sich durch Organisation und Disciplin sowohl, wie im Kampfe fortwährend aus.
Der Aragonese wird übrigens mit eben der Festigkeit gegen eine feindliche Veste geschlossen zum Sturm vorgehen, mit der er als Tirailleur Stunden lang Schuß auf Schuß mit dem gegenüberstehenden Gegner wechselt, in Masse formirt die Cavallerie bis auf zwanzig Schritt sich nahen läßt oder auf der Bresche mit unerschütterlicher Kaltblütigkeit dem Andrange des stürmenden Feindes sich entgegenstemmt. Doch wird er sich oft ohne Nutzen aufopfern, um nur nicht weichen zu müssen.
Ganz verschieden von dem Sohne des rauheren Aragon ist der Valencianer. Leicht und gewandt ist er furchtbar im ersten Sturm des Enthusiasmus, der aber eben so rasch verfliegt und dann gänzliche Erschlaffung zurückläßt; weichlich, wie Klima und Lebensart natürlich ihn machten, ermüdet er schon, wo sein aragonesischer Camerad, der zwar anfangs langsameren Schrittes ihm folgte, der inwohnenden Kraft wahrhaft sich bewußt wird. Im Valencianer ist Nichts fest und entschieden: er schwankt wie das Rohr vor jedem Winde und folgt augenblicklich dem eben gegebenen Impuls, um durch den nächsten in vielleicht ganz entgegengesetzte Richtung sich werfen zu lassen. Er ist scharfsinnig und listig, ohne Treue und Glauben; ein Wort reizt ihn zu brausendem Zorne, und er stürzt sich auf den Beleidiger, das lange Messer ihm durch die Brust zu stoßen; aber eben so rasch besinnt er sich, zieht sich lächelnd zurück und — erwartet den wehrlosen Feind hinter einer Ecke verborgen, um im Dunkel der Nacht unbestraft seine Rache an ihm zu kühlen.
Die valencianischen Truppen taugen nur zum ersten, raschen Angriff, wenn die Entscheidung augenblicklich herbeigeführt werden kann; so sind sie auch wohl zu dem unregelmäßigen Gefechte der ursprünglichen Guerrilleros geeignet,[82] denen der Kampf fast nur in Überfällen, Hinterhalten und Fliehen besteht. In dem schon regelmäßig organisirten Heere Cabrera’s dagegen waren die Bataillone der Division von Valencia immer die am wenigsten disciplinirten und wurden in jeder Hinsicht als die unzuverlässigsten und schlechtesten angesehen.